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Saarbrücken

Die 99 besonderen Seiten der Stadt

Rita Dadder und Florian Russi

Saarbrücken, Landeshauptstadt des Saarlandes und unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze gelegen, ist eine Stadt mit vielen Reizen. Es hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Von Goethe wurde es besucht und beschrieben und von Kaiser Barbarossa teilweise zerstört. Heute ist Saarbrücken eine moderne Metropole mit Universität, Museen und vielfältiger Kultur. Hier lebt man nach der Devise: »Wir wissen, was gut ist«, ist gastfreundlich und lässt sich gerne »entdecken«.


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Christoph Werner
Um ewig einst zu leben

Roman

Um 1815 zwei Männer, beide Maler - der eine in London, der andere in Dresden; der eine weltoffen, der andere düster melancholisch. Es sind J. M. William Turner und Caspar David Friedrich. Der Roman spielt mit der Verbindung beider.

Auch als E-Book erhältlich 

Die Saar im Blickpunkt des Weltgeschehens

Die Saar im Blickpunkt des Weltgeschehens

Ferdinand Luxenburger

Präsident Wilson und Ministerpräsident Clemenceau rangen um die Saar

Der Versailler Vertrag galt für die meisten Deutschen als Diktatfrieden und eine unvorstellbare Demütigung. Sicherlich hatten das auch viele Menschen im Saarbecken so empfunden, zumal sie vom übrigen Deutschland abgetrennt wurden und einer ungewissen Zukunft entgegengingen. Dennoch sind die Pariser Verträge ursächlich für die Entstehung des heutigen Bundeslandes, manche sprechen gar von der Geburtsurkunde des Saarlandes.

Teilnehmer an der Friedenskonferenz im Spiegelsaal von Versailles
Teilnehmer an der Friedenskonferenz im Spiegelsaal von Versailles

Die drei wichtigsten Protagonisten bei den Vertragsverhandlungen hatten dabei ganz unterschiedliche Interessen. Der britische Premierminister, David Lloyd Georges, hatte zuvor im englischen Wahlkampf noch versprochen, die „deutsche Zitrone auszupressen, bis die Kerne quietschen“. Das war allerdings vor allem Wahlkampfrhetorik. Denn tatsächlich wusste der britische Premier, dass Deutschland als künftiger Handelspartner für England gebraucht werden würde. Andererseits sollte es ein geopolitisches Gegengewicht zu der wirtschaftlich und militärisch erstarkenden kommunistischen Sowjetunion bilden.

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte noch während des Krieges einen 14-Punkte-Plan entwickelt, der die territoriale Integrität der europäischen Staaten und das Selbstbestimmungsrecht der Völker beinhaltete. Er sah allerdings die Rückgabe Elsass-Lothringens, das nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 vom Deutschen Reich annektiert wurde, an Frankreich vor. Der amerikanische Präsident wollte keine Rache an den Deutschen, er wollte eine gerechte Friedensordnung für die Welt schaffen.

Von links nach rechts: Der britische Premierminister Lloyd George, der italienische Minister Vittorio Emanuele Orlando, der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau und der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson.
Von links nach rechts: Der britische Premierminister Lloyd George, der italienische Minister Vittorio Emanuele Orlando, der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau und der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson.

Nicht so der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau. Er sah die Stunde der Abrechnung gekommen, er wollte Rache und das verhasste Deutschland am Boden sehen. Außerdem pochte er auf Sicherheit vor dem Erbfeind im Osten. Tatsächlich hatte Frankreich die Hauptlast des Ersten Weltkrieges im eigenen Lande zu tragen. Der, mit Maschinenwaffen geführte, barbarische Stellungskrieg hatte Frankreich nicht nur 1,4 Millionen gefallene Soldaten gekostet. Im Krieg wurden ebenfalls 4000 Ortschaften und 20.000 Industrieanlagen zerstört sowie 220 Grubenanlagen geflutet. Frankreich wollte Reparationen, um diese immensen Kriegsschäden auszugleichen. Deutschland hatte dem gegenüber kaum Kriegsschäden, aber zwei Millionen gefallene Soldaten zu beklagen. Dennoch sah es so aus, als könnte Deutschland, der militärische Verlierer, als wirtschaftlicher Sieger das Schlachtfeld verlassen. Das kam für Clemenceau aber keinesfalls in Frage, zumal er die wirtschaftliche Dominanz Deutschlands in der Zukunft fürchtete. Er wollte volle Entschädigung und hatte sich schon, im Vorgriff auf den Friedensvertrag, die Saargruben angeeignet und an der Saar eine Militärverwaltung eingerichtet. Seiner Vorstellung nach sollte der Rhein zukünftig die „natürliche“ Grenze zwischen Frankreich und Deutschland bilden und auf der linken Rheinseite eine selbstverwaltete Rheinische Republik entstehen. Rechtsrheinisch wollte er eine 50 Kilometer breite entmilitarisierte Zone, um dem Sicherheitsbedürfnis der Franzosen Rechnung zu tragen.

Unterschriften und Siegel des Versailler Vertrages
Unterschriften und Siegel des Versailler Vertrages
Das aber widersprach dem Postulat Wilsons, eine gerechte Weltordnung zu schaffen. Entsprechend entschieden lehnte der Amerikaner Clemenceaus Vorschlag ab. Als die Verhandlungen kurz vor dem Scheitern standen, schlugen die Franzosen vor, dass an der Saar die Grenzen von 1814 gelten und die Saar-Gruben in französischen Staatsbesitz übergehen sollten. Wilson widersetzte sich dem vehement. Er war lediglich bereit als Entschädigung für die Zerstörung der nordfranzösischen Schachtanlagen einer zeitlichen Ausbeutung der saarländischen Bergwerke zuzustimmen. Für diese Zeit sollte nach dem Willen des amerikanischen Präsidenten das Saarbecken dem Völkerbund unterstellt werden.
Plakat, entnommen: G. Paul und R. Schock, Saargeschichte im Plakat 1918 - 1957, erste Auflage 1987
Plakat, entnommen: G. Paul und R. Schock, Saargeschichte im Plakat 1918 - 1957, erste Auflage 1987

Der Streit um die Saarfrage eskalierte, so dass Wilson den Franzosen mit Abreise drohte, sollte Frankreich auf seiner Forderung nach Annexion des Saargebietes bestehen. Würde aber der amerikanische Präsident die Pariser Konferenz verlassen, so hätte das das Scheitern des gesamten Friedensvertrages bedeutet. Um seinem Vorhaben Nachdruck zu verleihen, ließ Wilson sein Schiff, die George Washington, die in Brest vor Anker lag, seeklar machen und für seine Abreise vorbereiten. Er ließ das dann auch noch an die Presse durchsickern, um so den Druck auf Clemenceau noch einmal zu erhöhen. Der Erfolg der Pariser Friedenskonferenz stand einen Augenblick auf des Messers Schneide. Schließlich gaben die Franzosen nach und man einigte sich in der Nacht vom 9. auf den 10. April 1919 auf einen Kompromiss, der später in den Artikeln 45 bis 49 des Friedensvertrages festgeschrieben wurde und als „Erstes Saarstatut“ in die Geschichte einging. Danach wurde das Saarbeckengebiet (französische Bezeichnung: Territoire du Bassin de la Sarre) unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt. Frankreich wurden für fünfzehn Jahre die Eigentumsrechte an den Kohlegruben des Saarbeckens zugesprochen. 1935 sollte die Bevölkerung dann in einer Volksabstimmung über ihr eigenes Schicksal bestimmen können. Am 10. Januar 1920 trat dann der Versailler Vertrag in Kraft und eine fünfköpfige internationale Kommission nahm die Aufgaben einer Regierung wahr. Die 770.000 Bewohner an der Saar, die zuvor zu Preußen und Bayern gehörten, bildeten nun eine neue politische Einheit, und allmählich begannen die Menschen eine eigene Identität als Saarländer zu entwickeln.

Auch im Nachhinein ist es schwer vorstellbar, dass der Versailler Vertrag an der Saarfrage gescheitert wäre, zumal es noch ganz andere strittige Punkte gab, die in Versailles einer Lösung zugeführt werden mussten. Trotz seines Erfolges in der Saarfrage ging Wilson nach Meinung vieler Historiker als Verlierer vom Platz. Tatsächlich hat der Versailler Vertrag der Welt keine Friedensordnung gebracht, die von den meisten Teilnehmern wohl auch nicht gewollt war. Deshalb wurde bereits in Versailles die Saat für einen weiteren, noch schlimmeren Krieg gelegt.

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Bildquellen:
- Vorschaubild: Unterzeichnung des Versailler Vertrages 1919, Gemälde von John Christen Johansen (1876-1964), Öl auf Leinwand, National Portrait Gallery, Smithsonian Institution, via wikimedia commons
- Bild 1 und 2, Wikipedia, gemeinfrei
- Bild 3, Staatsbibliothek zu Berlin
- Plakat, entnommen: G. Paul und R. Schock, Saargeschichte im Plakat 1918 - 1957, erste Auflage 1987


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