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Saarbrücken

Die 99 besonderen Seiten der Stadt

Rita Dadder und Florian Russi

Saarbrücken, Landeshauptstadt des Saarlandes und unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze gelegen, ist eine Stadt mit vielen Reizen. Es hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Von Goethe wurde es besucht und beschrieben und von Kaiser Barbarossa teilweise zerstört. Heute ist Saarbrücken eine moderne Metropole mit Universität, Museen und vielfältiger Kultur. Hier lebt man nach der Devise: »Wir wissen, was gut ist«, ist gastfreundlich und lässt sich gerne »entdecken«.


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Berndt Seite

N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Der erste Weltkrieg an der Saar

Der erste Weltkrieg an der Saar

Ferdinand Luxenburger

Vor gut 100 Jahren ging der erste Weltkrieg zu Ende. Historiker nannten ihn die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der australische Historiker Christopher Clark kommt gar zu dem Schluss, dass die Beteiligten in den Krieg geschlafwandelt sind. Dieser Eindruck könnte sich auch dadurch verfestigen, dass keines der kriegsführenden Länder auf eine längere Kriegsdauer eingestellt war. Die deutsche Heeresführung ist jedenfalls davon ausgegangen, innerhalb kürzester Zeit den Gegner niederzuwerfen und so den Krieg rasch zu beenden.

Kinderbrotkarte
Kinderbrotkarte

Bei Ausbruch des Krieges gab es im ganzen Land großen Jubel und Siegeszuversicht. In Saarbrücken kippte diese Stimmung aber sehr schnell, da auf dem militärisch wichtigen Bahnhof der zivile Verkehr eingestellt wurde und es deshalb zu Versorgungsengpässen kam. So wurden in Saarbrücken schon im August 1914 Volksküchen zur Versorgung der städtischen Bevölkerung eingerichtet. Die landwirtschaftliche Produktion im Deutschen Reich sank infolge fehlender Arbeitskräfte, Zugtiere und Kunstdünger im Laufe des Krieges so stark, dass es bereits 1915 zu Engpässen und schließlich zum berühmten Hunger- oder Steckrübenwinter 1916/17 kam. Man versuchte mit Lebensmittelkarten dem Mangel Herr zu werden. Was jedoch die Situation an der Saar nicht einfacher machte, war die Tatsache, dass die Schwerarbeiter in den Kohlegruben und Eisenhütten zusätzliche Lebensmittelrationen erhielten, damit sie ihre Arbeit vernünftig verrichten konnten.

In den Dörfern um Merzig war im Sommer 1918 die Lage dann wieder einigermaßen erträglich. Eine besondere Bedeutung kam dabei der Kartoffel zu. Waren alle Kartoffeln frühzeitig aufgebraucht, sah es schlecht mit der Ernährung aus. In der Stadt Merzig selbst waren die Kartoffeln und andere Lebensmittelvorräte immer noch so knapp, dass die Verantwortlichen auch hier beschlossen, eine Kriegsküche einzurichten, die in kurzer Zeit von über tausend Bürgern in Anspruch genommen wurde. Hier konnte man für wenig Geld seinen Hunger stillen. So manche Ehefrau hat ihrem Mann an der Front von der schlechten Ernährungslage an der „Heimatfront“ berichtet, weshalb in der Presse deshalb gefordert wurde, „keine Jammerbriefe“ an die Frontsoldaten zu schicken. Sie würden die Moral der Truppe untergraben und bei Gefangennahme der Soldaten würde dem Feind Propagandamaterial in die Finger fallen.

Peter Rolinger (Großvater des Autors - links im Bild) an der Westfront
Peter Rolinger (Großvater des Autors - links im Bild) an der Westfront

Auch im Bereich der Rüstungsgüter kam es sehr zeitig zu Schwierigkeiten. Von den 50.000 Industriearbeitern an der Saar wurden 20.000 als Soldaten an die Front beordert, sodass zu Beginn des Krieges paradoxerweise zunächst wichtige Industriebetriebe vorrübergehend geschlossen werden mussten. Die fehlenden Arbeitskräfte wurden dann so gut es ging durch Frauen, Rentner, Invaliden, Jugendliche und Kriegsgefangene ersetzt. Ebenfalls kam es rasch zu Unterbrechungen des Nachschubs an Rohstoffen, der deshalb fortan von staatlichen Stellen verteilt wurde. Kohle und Stahl wurden als Grundstoffe aus dem Saarbecken der deutschen Rüstungsindustrie zugeliefert, wo vor allem Einzelteile und Vorprodukte für die Rüstungsindustrie gefertigt und geliefert wurden. So produzierte beispielsweise die Völklinger Hütte Stahlplatten für den neuen Stahlhelm, die Dillinger Hütte Panzerplatten für den Schiffsbau und die Glashütte Fenne Uhrengläser, Kompassgläser und Scheinwerfergläser für die Marine.

Neben den Alltagswidrigkeiten, die der Krieg mit sich brachte, gab es noch die Sorge um die Soldaten an der Front, denn fast jede Familie in Deutschland und somit auch an der Saar hatte ein oder mehrere Familienmitglieder „im Feld“. Außerdem sah man im Straßenbild immer mehr Verwundete und vom Fronteinsatz gezeichnete Soldaten, die das Kriegselend augenscheinlich machten. Auch die beiden Großväter des Autors dieses Artikels waren Soldaten an der Westfront. Der Großvater mütterlicherseits, Jahrgang 1887, diente in verschiedenen Infanterieregimentern und wurde bei Sedan verwundet. Für seinen Einsatz wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und dem fürstlichen Lippischen Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. In einem späteren Feuerwehrausweis sind noch der Dienstgrad, die jeweiligen Regimenter, die Verwundung und die Auszeichnungen verzeichnet.

Anschlag des Saarbrücker Militärbefehlshabers, Januar 1918
Anschlag des Saarbrücker Militärbefehlshabers, Januar 1918

In den Geschichtsbüchern ist immer zu lesen, dass der erste Weltkrieg sich auf dem Territorium Belgiens und Frankreichs abgespielt hat, was aber so nicht ganz stimmt. Im grenznahen Bereich kam eine neue Kriegswaffe zum Einsatz, die es bisher noch nicht gab. Die französische Luftwaffe bombardierte an der Saar Städte und Industriereviere. Bereits Mitte August 1914 gab es erste Bombenangriffe auf Mettlach, Saarbrücken und Sankt Ingbert. In den folgenden Jahren zählte man viele hundert Bombenangriffe auf das Gebiet an der Saar, wobei Saarbrücken mit seinem kriegswichtigen Bahnhof und der nahen Industrie eines der Hauptziele der feindlichen Bomber war. Allerdings war die Zerstörungswirkung der Bomben noch relativ gering, sodass die Schäden durchaus überschaubar waren, denn die Sprengkörper hatten noch nicht die zerstörerische Sprengkraft der Bomben des Zweiten Weltkrieges. Allerdings verleitete das Spektakel der Flugzeuge am Himmel die Menschen in den Dörfern und Städten dazu, besonders bei nächtlichen Luftangriffen unvorsichtig zu werden und die Flugzeuge bei ihren Bombenabwürfen zu beobachten. So gab es dann auch einige tote Zivilisten zu beklagen. Aber relativ schnell stellte man sich auf die nächtlichen Luftangriffe ein. In den Städten reduzierte man die Beleuchtung auf das Notwendigste. Man baute sogar Scheinanlagen die man nächtens beleuchtete, um die Flugzeuge von den eigentlichen Zielen abzulenken.

Im Laufe des Sommers 1918 verschlechterte sich die militärische Lage für die deutsche Armee zusehends, sodass am 9. November der Kaiser abdankte und am 11. November im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Wenige Tage zuvor kam es in Deutschland zur sogenannten Novemberrevolution. In Saarbrücken, Neunkirchen, Ottweiler, Wiebelskirchen, Landsweiler-Reden, Heiligenwald, Saarlouis und Merzig bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Ihr Ziel war eine sozialistische Räterepublik. Aber es kam dann doch anders. Kurz nach dem Einmarsch der französischen Armee wurden die Arbeiter- und Soldatenräte aufgelöst.

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Textquellen:
- https://www.erster-weltkrieg-saarland.de/
besucht am 18.11.2019
- http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/saarbruecken-im-ersten-weltkrieg/DE-2086/lido/57d1376cb16501.46058993
besucht am 18.11.2019

Bildquellen:
- Vorschaubild und Foto Bildmitte: "Peter Rohlinger mit Kameraden im 1. Weltkrieg", aus Privatbesitz Ferdinand Luxenburger
- Bild oben rechts: Kinderbrotkarte: Archiv des Saarlandes-HV R38

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