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Friedrich W. Kantzenbach

Erfundenes Glück

Der Autor beschäftigt sich auf lyrischem Weg mit den essentiellen Dingen des Lebens. Er reflektiert seine reichen literarischen Begegnungen und verarbeitet Reiseerlebnisse und persönliche Bekanntschaften mit Menschen, die ihn beeindruckten. Zunehmend durchdringen die Themen Krankheit, Tod und Vergänglichkeit seine Texte.

 

Paul Rolinger

Im Kleinen ein ganz Großer

Paul Rolinger gehörte zu denen, die heilfroh und auch dankbar waren, den 2. Weltkrieg überlebt zu haben. Denn mit 17 Jahren wurde er zur Wehrmacht gezogen und kam direkt an der Ostfront zum Einsatz, den er mit viel Glück fast unbeschadet überlebte. In einem Schützenloch waren ihm im Winter 1944 die Zehen eingefroren und man wollte sie ihm in einem Feldlazarett schon amputieren. Vehement hatte er sich dagegen gewehrt und in letzter Minute hatte der Feldarzt ein Einsehen. Irgendwie ist dann doch wieder Leben in die Zehen zurückgekehrt und er konnte, vor der vorrückenden Roten Armee flüchtend, eine der letzten Oderbrücken überqueren und sich "heim ins Reich" retten. Die Familie fand er im Fränkischen, wo sie zum zweiten Mal evakuiert war. Die erste Evakuierung hatte sie nach Thüringen geführt.

Paul mit seinen Schwestern
Paul mit seinen Schwestern

Ein Lazarettaufenthalt und die gute Pflege der Familie brachten den glücklich heimgekehrten Sohn wieder zu Kräften. Dennoch hatte die Naziherrschaft ihre Spuren in der Familie Rolinger hinterlassen. Die zweitälteste Schwester war aus dem vom Regime eingeführten "Landjahr" tot heimgekehrt. Man erhielt lediglich die Mitteilung, sie sei an einer Lungenentzündung gestorben. Deshalb war man überglücklich, dass "Paulchen", wie die Mutter ihn liebevoll nannte, von der Ostfront mehr oder weniger heil zurückgekehrt war.

Der Berufseinstieg bei der Reichsbahn war vor dem Kriegseinsatz bereits geschafft und so konnte nahtlos daran angeknüpft werden.Vom Jungwerker auf der Rotte schaffte er den Einstieg in den Fahrdienst und als Beamter in den mittleren Dienst. Der Eisenbahner mit Leib und Seele ging nach einem langen Berufsleben als Bahnobersekretär im Zugführerdienst in den Ruhestand.

Bald nach dem Krieg entstanden im Saarland und auch in dem 250-Seelen-Dorf Weiler, heute ein Stadtteil von Merzig, neue Vereine, die das Dorfleben für Jahrzehnte prägten. Beim Gesangverein war Paul Rolinger natürlich auch mit von der Partie, genauso wie in der Dorfpolitik, denn seine Heimat Weiler lag ihm natürlich sehr am Herzen. Von 1961 an war er Mitglied des Gemeinderates und von 1964 bis zur Gebietsreform 1974 Beigeordneter der selbständigen Gemeinde Weiler. Sein soziales Engagement schlug sich in seiner über fünfzigjährigen Mitgliedschaft und zehnjähriger Vorstandstätigkeit im Ortsverband des VDK nieder.

Seine große Leidenschaft aber war schon immer der Fußball, den er in seiner Jugend mit Enthusiasmus spielte. Die allgemeine Begeisterung bei der Fußballweltmeisterschaft 1966 führte dazu, dass in Weiler ein Fußballverein gegründet wurde.

Paul Rolinger überreicht dem Sieger einen Pokal
Paul Rolinger überreicht dem Sieger einen Pokal

Der Aufbau und das Leiten des SC Weiler ihm eine Herzensangelegenheit, die er mit unglaublichem Elan und einer nicht zu bremsenden Tatkraft anging. Der SC Weiler sollte der Fußballverein für die drei Dörfer Weiler, Büdingen und Wellingen sein, die gemeinsam eine Pfarrgemeinde bilden.

Neben seinem Beruf hat der Sportverein über drei Jahrzehnte sein Leben bestimmt. Im Laufe der Jahre, die er als Vorsitzender gewirkt hat, hat er so gut wie alle Tätigkeiten sowohl im Bereich der eigentlichen Vereinsaktivitäten als auch im Spielbetrieb ausgeübt. Er hat alle Vorgänge mit dem saarländischen Fußballverband erledigt - in dessen Geschäftsstelle in Saarbrücken man ihn bald sehr gut kannte, da er viele Geschäfte persönlich dort abwickelte. Er organisierte den Spielbetrieb auf dem bald entstandenen heimischen Sportplatz, sorgte dafür, dass das Spielfeld rechtzeitig spielbereit war, kümmerte sich um das leibliche Wohl der Gäste und um die Einnahmen in die Vereinskasse. Er organisierte Pokalturniere und kreierte den Kirschberg-Cup, ein von Fußballern noch heute hoch geschätztes Fußballturnier in der Region. War die Mannschaft mal ohne Trainer, sprang er sogar dort ein und übernahm zeitweise das Training bis wieder ein neuer Übungsleiter gefunden war. So manchen Abend und auch freien Tag hat er auf der Sportanlage des Vereins verbracht - nicht immer zur Freude seiner Familie.

Ein ganz besonderes Anliegen war ihm der Aufbau einer Jugendabteilung, die er mit viel Energie vorantrieb. Er sprach jeden einzelnen Jugendlichen aus Weiler, Büdingen und Wellingen persönlich an, um ihn für die Jugendmannschaften des Sportclubs zu gewinnen. So verwundert es nicht, dass bereits im Jahre 1972 eine A-, B-, C-, und D-Jugend für den SC Weiler spielen.

Paul Rolinger (M.) mit dem Merziger Bürgermeister M. Horf (l.) und Kultusminister J. Schreier (r.)
Paul Rolinger (M.) mit dem Merziger Bürgermeister M. Horf (l.) und Kultusminister J. Schreier (r.)

Er hat jedes Spiel seines Vereins mit Herzklopfen verfolgt, außer wenn er mal dienstlich verhindert war. Nicht nur jeder Sieg seiner Mannschaft war für ihn Lohn für seine Arbeit. Er konnte sich an einem guten Fußballspiel erfreuen, das guten Fußball bot und fair verlaufen war, auch wenn die eigene Mannschaft nicht als Sieger vom Platz ging. Seinen Leitspruch "Siegen wollen, verlieren können" haben Generationen von Fußballern in Weiler zu hören bekommen. Fairness im Sport und Menschlichkeit im Leben sind für ihn Richtmarken gewesen. Mit seiner Art hat den SC Weiler über drei Jahrzehnte geprägt. Er war ein Markenzeichen für den Fußball der Region - und ist bei vielen Fußballfreunden in bester Erinnerung geblieben.

Im Mai 1986 erhielt er die Goldene Ehrennadel des Saarländischen Fußballverbandes für 20-jährige Tätigkeit und am 01.06.1996 die Verdienstnadel des DFB für 30-jährige Tätigkeit als 1. Vorsitzender. Der saarländische Kultusminister verlieh ihm am 26. Juli 2006 im Namen des Bundespräsidenten für sein Engagement in Politik, Gesellschaft und Sport die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland.

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Fotos: Ferdinand Luxenburger