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Martin Schneider
Kennst du Leo Tolstoi? 

Welche Persönlichkeit steckt hinter diesem großen Mann der russischen Literatur? Über das bewegte und gegensätzliche Leben Tolstois weiß dieses Buch zu erzählen. Zugleich stellt es einige ausgewählte Werke dieses großen Visionärs in Auszügen vor.

 

Wie Frankreich in den Nachkriegsjahren für seine Sprache und Kultur interessieren wollte

Hans Herkes

Persönliche Erinnerungen

Zweimal lebten wir Saarländer im vorigen Jahrhundert unter französischer Herrschaft. Es waren jeweils 15 Jahre nach den beiden Kriegen. Meine Eltern haben beide Perioden erlebt und besonders die erste als eine Art Unterdrückung erlebt; ich selbst, 1932 geboren, nur die zweite, und sie ist mir nicht in so negativer Erinnerung geblieben wie meinen Eltern die erste.

Woran liegt es? Vielleicht hatten die Franzosen von ihren Fehlern von 1920/35 gelernt. Jedenfalls versuchten sie, die Menschen an der Saar für ihre Sprache und Kultur zu interessieren.

Französischunterricht schon im 2. Schuljahr einzuführen mit Lehrern, die selbst die Sprache noch zu lernen hatten, war natürlich eine vorschnelle Entscheidung, sie wurde zurückgenommen. Eine positiv einzuschätzende Entscheidung war es, den Absolventen der drei saarländischen Lehrerseminare die Möglichkeit zu eröffnen, ihr erstes Berufsjahr als Assistant de Langue allemande an einer Schule in Frankreich zu verbringen. Sie wurden gut bezahlt und konnten sich oft an einer Universität einschreiben. Ludwig Harig berichtet davon in einem seiner Bücher. Ich selbst hatte die Chance, das Schuljahr 1952/53 an der Lehrerbildungsanstalt für das Département de la Seine in Paris, der Ecole Normale d'Auteuil, zu verbringen und mich im Cours de Civilisation française an der Sorbonne einzuschreiben. Es war mir im späteren Berufsleben von Nutzen.

Natürlich war die Schule nicht die einzige Einrichtung, in der Frankreich seinen kulturellen Einfluss ausüben wollte. Von Nancy aus wurde die Saarbrücker Universität gegründet, der 1. FC Saarbrücken wurde zur Première Ligue zugelassen, im Saarbrücker Theater gastierten französische Ensembles, auch die Comédie Française aus Paris. Auf der Kammerbühne wurden Stücke von Paul Claudel und Gabriel Marcel in deutschen Übertragungen gespielt.

Nach meiner Erinnerung ein ganz besonderes Ereignis war die Aufführung des Stückes „Die begnadete Angst" von Georges Bernanos in der Übersetzung von Eckart Peterich, wahrscheinlich im Jahr 1951. Den Stoff hatte dem Verfasser die Novelle „Die Letzte am Schafott" von Gertrud von Le Fort geliefert. Wenn ich mich nicht täusche, war ich in einer Vorstellung für die Katholische Jugend. Wir waren wie gebannt von der Darstellung des Opfergangs der Carmelitinnen von Compiegne in der Französischen Revolution. Es war, als spiele sich auf der Bühne eine sakrale Handlung ab. Das Theater wurde zur Kirche. Als am Ende einige Zuschauer zu klatschen begannen, zischten die anderen. In der Kirche spendet man keinen Beifall.

Etwa ein Jahr später sah ich das Stück von Bernanos wieder, aber in einem der Boulevard-Theater, ich glaube, es war das Théâtre Hebertot. Der französische Titel hieß „Les Dialogues des Carmélites". In der ersten Szene stirbt die Äbtissin, eine starke Frau, die vor der Bedrohung durch die Revolutionäre und dem Tod keine Angst hatte. Sie durchlitt auf der Bühne in Paris eine furchtbare Agonie. Ihre Angstschreie gingen den Zuschauern durch Mark und Bein. Doch am Ende der Szene sprangen sie von ihren Sitzen auf und klatschten Beifall, als sei das Stück zu Ende. So konnte man damals Theater erleben in Paris und in Saarbrücken.