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Karlheinz Fingerhut 
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Tabakladen „die Zwiwwel“ in Blieskastel

Tabakladen „die Zwiwwel“ in Blieskastel

Fredi Brabänder

Der älteste Tabakladen Deutschlands

und zugleich

Ein kleines Tabakmuseum in der Blieskasteler Altstadt

Andreas Burger und Lebensgefährtin Marianne Langrzik bedienen ihren Kunden Hansi Welsch, im Vordergrund ist die Registrierkasse von 1896 sichtbar.
Andreas Burger und Lebensgefährtin Marianne Langrzik bedienen ihren Kunden Hansi Welsch, im Vordergrund ist die Registrierkasse von 1896 sichtbar.

In der Blieskasteler Kardinal-Wendel-Straße findet man den wohl ältesten Tabakladen Deutschlands: „die Zwiwwel" (abgeleitet von ‚Zwiebel‘), heute so bezeichnet, wie der Ladeninhaber Andres Winkler früher im Volksmund genannt wurde. Das Geschäft befindet sich heute noch in dem Zustand, wie es nach dem zweiten Weltkrieg 1947 von den damaligen Besitzern eingerichtet wurde. Andreas Burger ist nun Besitzer des Tabakgeschäftes und für ihn ist sein Geschäft das älteste Geschäft im Saarland, weil es seit seiner Gründung ohne Unterbrechung besteht. Seine Behauptung, es sei der älteste Tabakladen Deutschlands werden durch Recherchen im Internet und durch Bekundungen seiner Großhändler gestützt, wie Burger bekräftigt.

Als „Kaisers" Kaffeegeschäft wurde der Laden 1874 in der früheren Hauptstraße von Blieskastel eröffnet, also mit Kolonialwaren sowie ausländischen Tabakwaren und Zigarren. Inhaber und Gründer war Alois Winkler, der kurz zuvor „ehrenhaft" aus der königlich-bayrischen Prinzregenten-Garde ausgeschieden war. Doch 1947 wurde aus dem Kolonialwarengeschäft ein Tabak- und Spirituosengeschäft, das bis 2010 in dieser Form von den Familien Andres Winkler und Hedwig Zurek (Tochter von Andres Winkler) geführt wurde. Hans Zurek führte das Geschäft nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 2004 weiter, er verstarb 2010. Seitdem befindet es sich im Besitz von Andreas Burger.

Andreas Burger und Lebensgefährtin Marianne Langrzik vor dem Geschäft in der Kardinal-Wendel-Straße.
Andreas Burger und Lebensgefährtin Marianne Langrzik vor dem Geschäft in der Kardinal-Wendel-Straße.

Wer den Laden betritt fühlt sich sofort ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Nicht nur die Ladeneinrichtung aus dem Jahr 1947, teilweise auch das Warenangebot und selbst die Registrierkasse von 1896 mit Sortenzähler (Taler und Reichsmark) sowie Kontrollstreifen sind noch da. Dabei ist die Verkaufsfläche wohl kaum mehr als 15 qm groß und selbst die Außenansicht des Hauses mit der nostalgischen Schaufensterdekoration passen sich dem Gesamteindruck an.

Neben dem ganz alltäglichen Angebot an Zigaretten, Zigarren und allem, was der Raucher braucht, findet man Süßigkeiten und Getränke. Dazu gehören natürlich eine Auswahl erlesener Zigarren aus Südamerika, Sumatra, Java und vielen anderen Tabakanbaugebieten, Leon Jimenez-Zigarren aus der Dominikanischen Republik zum Beispiel oder Don Stefano Grand Royal, Zigarrenexperten wissen, dass es sowas nicht überall gibt. Das Sortiment an Tabakwaren umfasst insgesamt 450 Produkte, zeitgemäße Angebote wie die elektronische Zigaretten gibt‘s ebenfalls, Burger garantiert sogar, dass er Nachfüllkartuschen für seine elektronischen Zigaretten bundesweit nachsendet, falls die Kunden das wünschen. Aber für eines steht Andreas Burger auch: keine Abgabe an Minderjährige, weder Zigaretten noch Alkohol, ja er hat sogar wegen der Abgabe des sogenannten „weißen Schnupftabaks" (Inhaltsstoffe nur Traubenzucker und Menthol) das Familienministerium in Berlin angefragt, bevor er es in den Verkauf nahm.

Andreas Burger präsentiert eine seiner Kostbarkeiten
Andreas Burger präsentiert eine seiner Kostbarkeiten

Doch es sind auch die Raritäten, die diesem Geschäft neben der außergewöhnlichen Atmosphäre einen ganz besonderen Reiz verleihen, ungebrauchte Original-Neuwaren aus vergangenen Zeiten, zum Beispiel Feuerzeuge der ersten Generation, die nicht nachfüllbar sondern durch Kauf eines neuen Tankeinsatzes erst wieder nutzbar wurden. Wasserpfeifen in allen Formen und Ausführungen stehen auf der Theke und die Werbeschilder „Roth Fuchs" „Schwarzer Krauser" und Landewyk-Silber deuten auf Produkte hin, die entweder längst vergessen sind oder nur noch in ausgewählten Läden zu finden sind.

Und schließlich kommt der Stolz des Inhabers aus der Vitrine: Tabakspfeifen in allen Variationen, die ältesten von 1880, damals schon mit Gewinde am Mundstück oder mit Alu-Auskleidung der Brennkammer. Tonpfeifen oder Original Sherlock-Holmes-Pfeifen, dem Detektiv aus den Romanen und Kurzgeschichten von Arthur Conan Doyle, holt Burger aus der Vitrine, er präsentiert Zwillingspfeifen in gleichaussehender Ausführung für die Dame und den Herrn und zum Schluss zeigt er ein ganz besonderes Stück, eine handgeschnitzte Pfeife aus Indonesien.

Kein Wunder also, dass die Stadtführer, die im Auftrag des Blieskasteler Verkehrsamtes unterwegs sind, in diesem kleinen „Tabakmuseum" halt machen und Andreas Burger einen gut viertelstündigen Aufenthalt der Gäste zur Präsentation seiner „Schätze" nutzt. Und so ist man auch nicht über die Öffnungszeiten verwundert, die Burger uns nennt: täglich von 9 bis 18 Uhr, samstags von 9 bis 14 Uhr und „immer wenn das Licht brennt".

Andreas Burger hat auf dem Dachboden noch Einkaufstüten aus der Zeit von Kaiser’s Kaffeegeschäft gefunden.
Andreas Burger hat auf dem Dachboden noch Einkaufstüten aus der Zeit von Kaiser’s Kaffeegeschäft gefunden.

Das Geschäft von Andres Winkler gehörte noch der saarländischen Tabakregie an, die 1947 im Saarland - nach französischem Vorbild - als staatliche 'Tabakregie' eingerichtet wurde. Bis 1959 existierten unter ihrer Kontrolle 16 tabakverarbeitende Betriebe, die den saarländischen Markt mit der gesamten Palette an Tabakwaren belieferten. Das Hinweisschild wurde erst kürzlich wieder am Geschäft angebracht, nachdem es von Schlossermeister Anton Rebmann repariert worden ist (s. Vorschaubild).

Sein außergewöhnliches Geschäft ist in der Saarbrücker Zeitung, Ausgabe St.Ingbert am 30.12.2013 vorgestellt worden, der Saarländische Rundfunk widmete ihm im Rahmen des aktuellen Berichts am 25. Februar 2015 eine Reportage (http://sr-mediathek.sr-online.de/index.php?seite=7&id=31046).

Einen besonderen Einblick in den kleinen Tabakladen mit einem 360° Schwenk findet man auch auf der Internetseite der Stadt Blieskastel unter dem Link: http://hosting.walk3d.de/blieskastel/stadt/blieskastel-tour.html

 

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Fotos: Fredi Brabänder