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Friedrich W. Kantzenbach

Erfundenes Glück

Der Autor beschäftigt sich auf lyrischem Weg mit den essentiellen Dingen des Lebens. Er reflektiert seine reichen literarischen Begegnungen und verarbeitet Reiseerlebnisse und persönliche Bekanntschaften mit Menschen, die ihn beeindruckten. Zunehmend durchdringen die Themen Krankheit, Tod und Vergänglichkeit seine Texte.

 

Der Limberg

Nicht irgendein Berg

Kreuzwegstation
Kreuzwegstation

In meiner Kindheit war er für mich der Berg schlechthin. Er gehört zur Gemeinde Wallerfangen, ist aber auch der „Hausberg" der nahe gelegenen Stadt Saarlouis. Hier waren wir oft, suchten nach Esskastanien, sammelten Bucheckern, Pilze, Moose oder Zweige für Dekorationen.

Der LImberg war ein beliebtes Ziel für Klassenausflüge, und jedes Jahr am Karfreitag fand für die zahlreiche katholische Jugend der Umgegend eine traditionelle Kreuzwegprozession statt. Kreuzwege sind Wallfahrtswege, die dem Leidensweg nachempfunden sind, den Jesus Christus nach seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus zur Hinrichtungsstätte auf dem Hügel Golgatha zurücklegen musste. Der Weg ist in mehrere Stationen unterteilt. Auf dem Limberg waren es insgesamt vierzehn. Jede Station ist durch einen Bildstock, einen Gedenkstein, gekennzeichnet, vor dem die Kreuzwegpilger niederknien bzw. den Kopf senken und sich im Gebet die von Jesus erlittenen Qualen vergegenwärtigen. So erinnert die erste Station an die Verurteilung Christi, die dritte an seinen ersten Sturz unter der Last des von ihm zu tragenden Kreuzes, die elfte an seine Kreuzigung und die vierzehnte an seine Grablegung.

Wallfahrtskapelle
Wallfahrtskapelle

Für die jungen Limberg-Wallfahrer fand der Kreuzweg seinen Abschluss in einer Kapelle, von deren Standort aus man einen schönen Ausblick auf die unterhalb gelegenen Ortschaften hat. Für mich und meine Spiel- und Schulkameraden bedeuteten diese Kreuzwegprozessionen romantische Erlebnisse.

Auch mit der Familie sind wir gerne den Limberg hinaufgestiegen. Der herrliche Wald, abschüssige Felsformationen, vorbeiziehende Jäger, die ihre Gewehre geschultert hatten oder auch gelegentlich auftauchendes Wild regten unsere kindlichen Fantasien an. Oben auf dem Berg angelangt, kehrten wir dann in dem Örtchen Oberlimberg in der einzigen dortigen Gaststätte ein, wo es „Klatschkäse" mit frischem Schnittlauch zu essen gab.

Der Limberg ist ein bis nahe ans Saarufer vorgelagerter Bergrücken des „Saarlouiser Gaus", der den Beginn des sog. Lothringer Stufenlandes bildet. Zwischen dem Berg und dem linken Saarufer schlängelte sich viele Jahre lang nur eine schmale Stra0e entlang, die „An der Engt" genannt wurde und der Hauptverkehrsweg zwischen Wallerfangen und Rehlingen/Siersburg war. Die "Engt" war eine in der Umgegend bekannte Gefahrenstelle. Immer wieder ereigneten sich dort Autounfälle, über die dann viel gesprochen wurde. Ein Ehepaar aus unserer Nachbarschaft ist hier tödlich verunglückt.

Waldweg auf dem Limberg
Waldweg auf dem Limberg

Am Fuß des südwestlichen Abhangs des Limbergs liegt ein kleines Tal, das Mookenloch heißt. Mooken wurden im Saarland die Kaulquappen, also die Larven der Froschlurche genannt. Auch das Mookenloch ist ein beliebtes Ziel für Wanderer. Bei einem Osterausflug mit meinen Eltern und meiner Schwester trafen wir auf ein blondes junges Mädchen, das mit wallendem Haar auf einer Schaukel wippte, die aus Zweigen von zwei nebeneinander stehenden Bäumen zusammengebunden war. Das Mädchen wohnte in dem nahe gelegenen Forsthaus und war die Tochter des Försters. Mir ist sie wie eine Märchenprinzessin in Erinnerung geblieben. Wir unterhielten uns längere Zeit mit ihr und meine Eltern erzählten mir später, dass ich am Tag danach verbindlich erklärt hätte, dieses Mädchen einmal heiraten zu wollen.

Das Gelände des Limbergs befindet sich größtenteils im Besitz der Unternehmerfamilien Villeroy und von Boch. Die waren traditionell den christlichen Soziallehren verbunden und so war das Terrain immer auch für die Bewohner der Region zugänglich. Für mich und viele meiner Verwandten und Freunde ist der Limberg nicht irgendein Berg, sondern eine schöne und wichtige Erinnerung.

 

 

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Fotos: Florian Russi