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Kennst du Antoine
de Saint-Exupéry?

Karlheinrich Biermann

Großer Beliebtheit erfreut sich noch heute die Geschichte vom kleinen Prinzen, jenem philosophischen Märchen, das von Liebe, Freundschaft und Tod handelt. Darin geht Saint Exupery der Frage nach dem Sinn des Lebens nach und blickt zurück auf sein eigenes: das Abenteuer einer Bruchlandung, das Überleben in der Wüste, die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe … all das war dem Autor nur allzu vertraut.

 Der kleine Garten

Der kleine Garten

Johannes Kirschweng

Es war einmal ein kleines Mädchen, das wollte so gerne einen Garten haben mit Gras und Bäumen und vielen Blumen. Aber es wohnte mit seinen Eltern mitten in der Stadt. Da waren nur Mauern und Steine, und wer Blumen haben wollte, musste sie für sehr viel Geld in den Läden kaufen.

Ab und zu gingen sie einmal über Land. Da kamen sie an alten Bauerngärten vorbei, in denen die Rosen über den Lattenzaun wuchsen. Die Lilien dufteten ganz stark und süß herüber, und manchmal verirrte sich sogar eine weiße Nelke bis zum Straßenrand. Das war sehr schön, und das kleine Mädchen war einen Tag lang sehr glücklich und eine Nacht. Denn in der Nacht träumte es von den Gärten, die es gesehen hatte, und sie waren noch größer und farbiger, als die es gesehen hatte, und man brauchte nicht vor dem Tor und dem Zaun stehen zu bleiben. Sie gehörten ihm.

Aber wenn es dann erwachte, war nichts mehr davon da als vielleicht die weiße, die am Wegrand auf etwas gewartet hatte und die jetzt im Glas weiterblühte. Das war wenig von all dem, was im Traum ihm gehörte hatte, und es wäre am liebsten gleich aus der grauen Stadt heraus zu den leuchtenden Gärten gelaufen. Doch es musste in die Schule gehen und aufpassen, dass es nicht unter die Räder der vielen, vielen Wagen kam und dass kein böser Hund es biss und kein böser Junge es an den Haaren zog.

Und dann in der Schule musste es lernen, rechnen, lesen und schreiben. Da musste es seine Gedanken zusammenhalten und durfte gar nicht so viel an Blumen und Gärten denken.
Doch am Mittag, wenn keine Schule war, stand es am Fenster und sah den Wolken nach, die von weither kamen und immer weiter noch zogen und alle schönen Gärten der Welt zu sehen bekamen, und es wäre gern mit ihnen geflogen.

Zwischen den Häusern hindurch sah man in der Ferne ein grünes Stücklein Wald. Durch den musste man gehen, dann kam man in das Dorf, in dem die schönen alten Gärten waren. Manchmal schloss das kleine Mädchen mitten am Tag die Augen und fing an zu träumen, es sei gerade aus dem Wald herausgekommen und sehe jetzt schon die weißen und roten Rosen und die Lilien und Rittersporne und die Löwenmäulchen und die Nelken und Margeriten. Das war fast so schön, als ob es wirklich da wäre. Nur der Duft fehlte noch. Der war schwer zu träumen.
Eines Tages, als das kleine Mädchen aus der Schule kam, da lachte die Mutter so seltsam, als ob sie sich sehr freue, oder eigentlich so wie zu Weihnachten wenn das Christkind dagewesen war und man in die Stube ging, um die Geschenke zu sehen.

Als es dann wieder ans Fenster trat, da wusste es warum. Da war ein großer Blumenkasten mit roten und weißen Blumen. In der Mitte stand eine Fuchsie, deren Blüten wie feine rote Quästchen herunterhingen. Links und rechts davon waren Begonien mit ihren ganz grünen, rot gezackten Blättern und ihren roten Blüten, die vier Blütenblätter hatten, zwei ganz große und zwei kleine, aus deren Mitte die Staubgefäße wie ein zartes, goldenes Krönlein hinausragten. Weit über den Rand hinaus aber wuchsen weiße Nelken und dufteten wie die fernen Gärten.

Da warf sich das kleine Mädchen der Mutter in die Arme und wollte ihr danken und konnte doch nichts sagen vor lauter Freude. Die Mutter aber hob ihr Kind empor und sagte: „So, Magda, da hast du deinen Garten. Versorge ihn gut, dass die armen Blumen nicht Durst leiden müssen oder im Staub ersticken."

Das tat nun Magda alle Tage, und die Blumen wurden immer schöner. Nur die wirklich großen Gärten da draußen konnte sie nicht vergessen. Und als sie an einem Sonntagnachmittag wieder einmal über Land gewesen waren, da stand sie nachher vor ihrem Blumenkasten und sagte so leise, dass es gar niemand hören konnte: „Ach, wenn es doch nur ein richtiger Garten wäre."

Als sie das aber gesagt hatte, da sah sie in der Fuchsie ein Tierlein sich regen, einen Käfer mit grünen Flügeln und roten Tupfen darauf, und hörte, wie ein ganz feines Summen von ihm kam. Sie beugte sich über ihn, und da war es kein Käfer mehr, sondern ein kleines, kleines Männchen mit einem grünen Frack mit roten Tupfen darauf, und das Summen war kein Summen mehr, sondern ganz feines Reden, und Magda konnte es verstehen.

Es hieß so: „Du sollst gern einen richtigen Garten haben, du kleines Mädchen. Du musst nur tun, was ich dir sage. Halt dich mit beiden Händen fest an dem Blumenkasten und dann riech dreimal an der weißen Nelke."

Das Mädchen hätte gern noch seine Mutter gefragt, ob es auch solle, aber es fürchtete, das grüne Männlein könne in der Zwischenzeit verschwinden. So hielt es sich dann mit beiden Händen an der Wand des Blumenkastens, roch dreimal an der weißen Nelke, so kräftig, dass es niesen musste, und dann war es geschehen.

Da saß Magda auf einmal auf einer breiten grünen Mauer und schaute in einen ganz großen bunten Garten hinein, von dem sie das Ende gar nicht sehen konnte, so groß war er.

In der Mitte stand ein Baum, von dem hingen blutrote Blüten herunter, größer als sie selber, und aus dem Baum kam gerade in lustigen Sprüngen ein vornehmer Herr, der trug einen grünen Frack mit rotgestickten Tupfen darauf. Er trat an die Mauer, winkte Magda, sie solle herabspringen und fing sie in seinen Armen auf. Sie sah in sein Gesicht und erkannte das Käfermännlein von vorher.
Da war sie sehr verwundert und fragte ihn, wie er denn mit einem Mal so groß geworden sei. Er aber lachte und antwortete, er sei gar nicht groß geworden, aber sie sei klein geworden, und der Garten, in dem sie spazierten, sei nichts anderes als der Blumenkasten, und der Baum mit den riesigen Blüten sei die Fuchsie. Jetzt könne sie hier spazieren so oft sie wolle. Sie brauche es nur zu machen wie beim ersten Mal.

Dann nahm er sie bei der Hand und ging mit ihr viele Wege. Manche waren ganz schattig, und manche lagen ganz in der Sonne, und überall blühte und duftete es. Aber es waren nur ganz große Bäume zu sehen. Viele hatten einen dicken, grünen Stamm, auf dessen Ende saß eine gewaltige weiße Blüte, das waren die Nelken. Andere wuchsen in einem dichten Gewirr zusammen, ein Dutzend und mehr Stämme, und bildeten eine Wildwuchs von Rot und Grün. Das waren die Begonien.

Manchmal fuhr der Wind hinein, und dann gab es ein gewaltiges Brausen. Einmal fiel ein Blatt vor ihnen nieder, das war so groß, dass sie um es herumgehen mussten.

Als das Mädchen müde war, da führte es der Mann mit dem grünen Frack zu einem kleinen Haus, das war ganz rund. Auch die Tür daran war rund, und die Bank, auf die sie sich setzten, und das ganze Haus, in das gerade sie hineingingen, duftete nach Mandeln. Der Mann im grünen Frack erzählte, er habe es aus einem Kirschkern gemacht.

Noch eine Zeitlang, dann verlangte Magda nach Hause. Es war ihr zu Mute, als wenn sie schon ein ganzes Jahr fort gewesen sei. Da führte er sie zu einem Fuchsienbaum und ließ sie dreimal mit dem Finger daran klopfen, und sogleich saß sie auf einem Stuhl vor dem Blumenkasten. Die Mutter kam herein und sagte: „Ach, jetzt hast du geschlafen. Ich hab dich schon ein paar Mal gerufen." Magda wollte ihr erzählen, was geschehen war, aber dann war es ihr gar zu seltsam.

Später war sie noch oft in dem kleinen Garten. So oft sie Lust danach bekam, hielt sie sich mit beiden Händen an dem Blumenkasten und roch dreimal an der Nelke, dann war sie drin. Oft war der Herr im grünen Frack bei ihr, und oft war sie allein. Aber sie fürchtete sich nicht.

Nur einmal, als sie zusammen drinnen waren, kam aus der Luft ein schreckliches Getöse, und ein Ungeheuer wie ein gewaltiger Vogel stieß auf sie herab. Doch das Mädchen sprang rasch zum Fuchsienbaum und klopfte dreimal daran. Da konnte sie dem Ungeheuer wehren, denn jetzt war es groß und das Ungeheuer war nur ein Sperling. Der hatte die zwei kleinen Wesen am Blumenkasten erblickt und seinen Jungen zum Nachtessen bringen wollen. Er hatte ja auch nicht wissen und sehen können, wie es mit ihnen bestellt war.

Doch das Männlein im grünen Frack zitterte noch lange vor Schrecken und Angst. Als es sich erholt hatte und wieder sprechen konnte, da sagte es, das Mädchen habe ihm das Leben gerettet, und es wolle ihm zum Dank eines Tages einen richtigen Garten schenken, in dem auch Beeren wüchsen und Äpfel und Birnen, und in dem ein Sperling eben nur ein Sperling und kein gefährliches Ungeheuer sei. Dann sprang es aus der Hand des Mädchens in den Blumenkasten und wurde nicht mehr gesehen.

Doch als Magda am nächsten Tag wieder in ihren kleinen Garten wollte und schon zum zweiten Mal an der Nelke gerochen hatte, da ging die Tür auf. Vater und Mutter kamen Hand in Hand herein, und die Mutter rief: „Magda, Magda, jetzt haben wir einen richtigen Garten und ein Haus mit grünen Läden und roten Geranien mitten drin. Die Tante hat ihn uns geschenkt."

Da schüttelte Magda den Kopf und sagte vor sich hin: Nein, nein, der Herr im grünen Frack hat ihn uns geschenkt."

 

 

*****
Erstveröffentlichung
Der kleine Garten. in: Der goldene Nebel. Märchen von Johannes Kirschweng. Mit Buchschmuck von Hans Adamy. Saarlouis: Hausen. Verlagsgesellschaft, 1931, S. 123-131.
Abdruck in der Johannes-Kirschweng-Gesamtausgabe
Der kleine Garten. In: Johannes Kirschweng. Gesammelte Werke. Achter
Band. Gedichte. Märchen. Saarbrücken: Verlag "Die Mitte", 1982, S. 275-279.

Fotos: Herbert Kihm