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Berndt Seite

N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Der Schlossgarten auf dem Großen Stiefel

Der Schlossgarten auf dem Großen Stiefel

Karl Lohmeyer

Die Burg auf dem Großen Stiefel war längst schon zerfallen, und wildes Gestrüpp wucherte in dem ehemaligen Schlossgarten. Da kam ein Mädchen aus einer nahen Ortschaft an die Halden des Berges, um würzige Waldbeeren für die Mutter zu suchen, die krank und siech daheim in der ärmlichen Hütte lag.

Trotz aller Mühe konnte das Kind, das immer weiter den Berg emporstieg, nichts finden. Als es die Höhe erreichte, sah es mit Staunen in der Nähe des Schlosses einen herrlichen Garten mit Blumen und Früchten. Seine Verwunderung wuchs noch mehr, als sich eine stattliche Frauengestalt in prächtigem Gewande näherte. Due Erscheinung winkte der Kleinen, die zögernd und furchtsam in den Garten folgte. Dort wurde ihr bedeutet, das Körbchen mit den schönsten und würzigsten Beeren zu füllen. Rasch pflückten die kleinen Hände, und bald hatte das Mädchen genug. Dann aber brach die Dame die schönsten Rosen ab und gab sie dem Kinde in die Schürze, bis diese nichts mehr fassen konnte. Hierauf gebot sie dem Mädchen, alles der Mutter zu bringen.

Die Mutter aß von den saftigen Beeren und fühlte sich sofort erfrischt und von neuem Leben beseelt. Mit den Rosen schmückten beide die erbärmliche Stube. Als sie am Morgen erwachten, war die Mutter vollkommen gesund. Die Rosen aber hatten sich in der Nacht in eitel Gold verwandelt. Die Beglückten eilten auf den Berg, um der gütigen Spenderin zu danken. Der schöne Garten jedoch mit seinen Beeren- und Blumenbeeten war verschwunden, und an seiner Stelle wucherten wieder wilde Hecken.

Glück und Segen zogen mit den Gaben der gütigen Fee in das Häuschen der Armen ein. Das Mädchen erblühte zur lieblichen Jungfrau, deren Schönheit weithin bekannt wurde. Ein Ritter der Umgebung führte sie als Burgfrau auf sein Schloss, aber nie erfüllte Hochmut ihre Seele.

 

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Quellen:
Text: Karl Lohmeyer, Sagen des Saarbrücker und Birkenfelder Landes, Hofer-Verlag AG, Saarbrücken, 1924. Mit freundlicher Genehmigung der Stadtbibliothek Saarbrücken (Rechtsnachfolger).

Vorschaubild: Der Stiefel bei St.Ingbert, Urheber: Pixelfeuer aus der deutschsprachige Wikipedia,Lizenz CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Bild im Text: Wilde Rosen. Gemälde von Anna Syberg (1870-1914) (heutiger Standort: Faaborg Museum).