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Eine Sammlung von Gedichten Wulf Kirstens aus den Jahren 1954 bis 2004 enthält dieser Band mit dem Titel „erdlebenbilder". Die Gedichte zeigen, wie wichtig dem Autor die Sprache ist und wie er mit ihr Orte, Landschaften und Geschehnisse einfängt. Wer sich auf Kirstens Kunstformen einlässt, wird die Sammlung mit viel Gewinn lesen.
Der Fluss

für Hans Arnfrid Astel

Der Dichter Wulf Kirsten, der am 21. Juni seinen 80. Geburtstag feiert, pflegt einen engen und freundschaftlichen Kontakt zum Saarland und seinen Kulturschaffenden. Mit dem früheren Chef der Literaturredaktion am Saarländischen Rundfunk, Arnfrid Astel, reiste er in den neunziger Jahren ins nördliche Saarland und besuchte auch die Saarschleife. Davon handelt das folgende Gedicht.

Kirsten ist vor allem ein Landschaftsdichter. Aus den Landschaften heraus versteht und erklärt er die Menschen, die darin leben und die Ereignisse, die darin stattgefunden haben. Im „Saarschleife-Gedicht" behauptet er, dass er etwas gesucht und nicht gefunden habe. Ich hab‘ ihn gefragt, was es war, was er gesucht hat. Seine Antwort war: „nichts". Das war nicht abwertend gemeint, wie ich es seinen Saarland-Erinnerungen entnehmen konnte und wie sich auch es auch aus der Bezeichnung der Saarschleife als „Kunstwerk" ergibt. Der eigenwillige und in seinen Gedichten nicht leicht zugängliche Dichter hat gesucht, was er (fast) immer zu suchen pflegt: eine Landschaft, die besonders geprägt ist und selbst prägend wirkt. Und die hat er, wie ich seiner Schilderung entnommen habe, an der Saar gefunden.

Florian Russi
 

was wir suchten, fanden wir nicht,
kein Strandgut im ufergestrüpp,
kein steinkeil ausgeschwemmt,
aber kalmus schoß auf am wasser
in üppigen flußbandbeständen,
lang eingesogen den geruch
und bei jedem blattschwert,
das wir brachen, heftiger geatmet
und gedacht, so schmeckt
ein Bobrowski-wort: kalmus
der morgen - unke der abend
.
schwester der sonnenrose mischte
sich ein, wucherndes wildgewächs,
neben dem fußpfad helianthus tuberosus,
saarschleifenblume einverständig
mit ihrem schönsten namen belegt,
doch was wir suchten, fanden wir nicht.

der krümmung des flusses nachgelaufen,
zu sehn, zu spürn mit den füßen,
wie die Saar sich dreht und windet
um den grünen rücken herum
und die ruine Montclair, wohl konserviert,
wie elegant der fluß den bogen
ausgesägt und vollendet geformt,
ein kunstwerk, das der geduld
des wassers gelang, höchst fotogen,
dort wo der fluß die schleife zieht,
Commetsteinchen, Orkelfelsen, Orscholz,
kein edelstein, der dem Saarland
aus der krone fiel, kein flint in sicht,
auf nach Serrig, bergerhoben die domäne,
doch was wir suchten, fanden wir nicht.

 

*****

Wulf Kirsten, Der Fluss. Aus: ders., Erdlebenbilder. Gedichte aus 50 Jahren 1954-2004.
© Ammann Verlag & Co., Zürich 2004. Alle Rechte vorbehalten S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Fotos iund Fotobearbeitung: Rita Dadder