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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Romreise im Heiligen Jahr 1950

Romreise im Heiligen Jahr 1950

Hans Herkes

Ein Sonderzug führte 900 saarländische Jungen und Mädchen nach Rom

„Das Lied meiner Jugend war das Lied eines kleinen römischen Brunnens, der seinen zarten Strahl in das vergreiste Marmorbecken eines antiken Sarkophages ergoß, an dessen Rand man mich als Kind aus dem fernen Deutschland verpflanzt hatte." So beginnt Gertrud von Le Fort den ersten Teil ihres Romans „Das Schweißtuch der Veronika", den sie nach jenem Brunnen bei der Kirche Santa Maria sopra Minerva „Der römische Brunnen" nennt. Der Roman trägt autobiographische Züge und spielt in Rom.

Einzug der saarländischen Gruppe in St. Peter
Einzug der saarländischen Gruppe in St. Peter

Das Lied meiner Jugend, wenn ich denn so poetisch davon sprechen darf, war der Lärm, der von dem nahen Eisen- und Stahlwerk im Tal der Saar zu unserem Haus herübertönte. Es mag wohl sein, dass dieser Gegensatz ein Grund dafür ist, warum mir jener Romananfang während mehr als sechs Jahrzehnten im Gedächtnis geblieben ist.

Der Roman der Gertrud von Le Fort war in den späten 20er Jahren erschienen und in den ersten Nachkriegsjahren, fortgesetzt durch einen zweiten Teil mit dem Titel „Der Kranz der Engel", wieder aufgelegt worden. Ich bekam die beiden Bände an Weihnachten 1949 geschenkt. Da wusste ich schon seit einigen Monaten, dass ich im folgenden Jahr, im Sommer 1950, nach Rom fahren würde.

Wieso konnte ich als 18jähriger 1950 nach Rom reisen? Papst Pius XII. hatte ein „Heiliges Jahr" ausgerufen, das von Weihnachten 1949 bis zu diesem Fest im folgenden Jahr dauern sollte. Das war der Anlass für viele Pilgerfahrten aus aller Welt in die Ewige Stadt und eben auch für eine der saarländischen katholischen Jugend, die das Bistum Trier veranstaltete. In Saarbrücken wurde ein Sonderzug eingesetzt, circa 900 Jungen und Mädchen konnten teilnehmen. Meine Eltern erlaubten mir, mein Sparbuch aus Kriegs- und Vorkriegszeiten zu plündern, und so konnte ich mich zu der Reise anmelden.

Pilgerausweis
Pilgerausweis

Um es gleich vorweg zu sagen, eine so eindrucksvolle Reise habe ich nie mehr erlebt, und so wird es den meisten Teilnehmern ergangen sein. Ich weiß nicht, ob es eine Altersbegrenzung für die Teilnahme gab. In der Gruppe, zu der ich gehörte, waren einige, die im Krieg als Soldaten im Ausland gewesen waren. Die meisten waren jünger. Es wird kaum einer dabei gewesen sein, der bis dahin mit der Familie eine größere Reise unternommen hatte, einmal abgesehen von den Evakuierungen derjenigen, die an der Grenze zu Hause waren. Ferienreisen nach Südfrankreich waren noch nicht die Regel; die Grenze nach Deutschland wurde als Zollgrenze streng überwacht.

Vor diesem Hintergrund fand unsere Romreise statt. Die Bahnfahrt dauerte zwei Tage und führte uns durch Frankreich und die Schweiz nach Italien. Nie gesehene Landschaften flogen vor dem Abteilfenster vorbei: Ebenen, Gebirge, Flüsse, Seen. Der Zug hielt in Basel; dann in Domodossola, da glühten die Bremsklötze nach der Abfahrt vom Simplon; beim Halt in Mailand bekam jeder einen Beutel mit Verpflegung für den zweiten Tag. Auf dieser Reise sahen die meisten von uns zum ersten Mal die Alpen und ein paar Tage später am Strand von Ostia das Meer. 

Die Zeltstadt S. Giorgio
Die Zeltstadt S. Giorgio

Am späten Nachmittag des zweiten Tages kamen wir in Rom an. Mit kleinen Bussen fuhren wir in unser Quartier: eine Zeltstadt in der Nähe von St. Paul vor den Mauern. Die kleinen, wendigen Busse brachten uns an den folgenden Tagen morgens zu unserem Ziel und holten uns am Abend wieder ab. Wir staunten über die Geschicklichkeit der jungen Italiener, die auf ihren Vespas ihren Weg durch das Verkehrsgewimmel suchten, oft mit einem jungen Mädchen im Damensitz als Mitfahrerin.

Ich kann nicht abschätzen, wie viele weiße Zelte auf dem mehrere Hektar weiten Platz aufgebaut waren. Sie beherbergten Jugendgruppen aus vielen Ländern, und so hörte man über die Lautsprecher Ansagen in vielen Sprachen. Natürlich hatte ich bis dahin schon Ausländer gesehen und sprechen gehört: Franzosen, Serben, Russen, Italiener als Kriegsgefangene, dann Amerikaner und wieder Franzosen als Besatzungssoldaten, aber keine Afrikaner in weißen, Inderinnen in bunten Gewändern wie jetzt in Rom.

Die Hl. Pforte in St. Peter
Die Hl. Pforte in St. Peter

Die Reise war perfekt organisiert. Jeder Gruppe war für die Dauer des Aufenthaltes ein Führer zugeordnet, meistens ein junger Mann, der in Rom Theologie studierte. Unserer war ein junger Schweizer aus Graubünden, Student am Collegium Germanicum et Hungaricum, wie diese theologische Hochschule ausführlich heißt, also ein „Germaniker", die trugen damals knallrote Kutten, man brauchte keine Sorge zu haben, dass man im Gedränge der Großstadt den Führer aus den Augen verlor. 

Er begleitete uns zu den religiösen Stätten: den sieben Hauptkirchen und anderen Gotteshäusern, den Katakomben; er führte uns durch das antike Rom: an das Colosseum, das Pantheon, vom Triumphbogen des Titus über die via sacra bis zum Bogen des Septimius Severus und hinauf zum Capitol, draußen vor der Stadt ein Stück über die via appia; er stieg mit uns die Spanische Treppe hinauf zum Pincio, von wo wir das Panorama der Stadt mit der fernen Peterskuppel bewunderten; er zeigte uns die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle. Höhepunkte waren eine nächtliche Messe im Colosseum und die Papstaudienz im Petersdom.

Picknick unter den Kolonaden von St. Peter.
Picknick unter den Kolonaden von St. Peter.

Der Petersdom und der weite Platz davor, da hatten wir an einem Nachmittag mehrere Stunden zur freien Verfügung. Mit meinem Cousin suchte ich einen Andenkenladen in der via della Conciliazione auf. Von da gingen wir wieder zur Kirche hinauf. Auf dem Platz zwischen den Kolonaden blieben wir stehen und fragten uns: Wie lang gehen wir denn jetzt schon und sind immer noch nicht da? Und dann: Lass uns doch mal ausprobieren, wie lang man braucht, um von einem Ende bis zum anderen über diesen Platz zu gehen. Wir gingen zurück und schauten auf die Uhr. Ich weiß nicht mehr, was bei dem Experiment herauskam. In der Kirche entdeckten wir dann die im Boden eingelassenen Marken, die anzeigen, um wie viel kleiner andere berühmte Kirchen im Vergleich zu St. Peter in Rom sind.

An die Rückfahrt nach Saarbrücken - sie führte über die St. Gotthardstrecke - habe ich keine Erinnerung, zu stark waren die Eindrücke in Rom. Diese Reise im Sommer 1950 war in jeder Hinsicht einzigartig. Nie wieder hat der Besuch einer großen und bedeutenden Stadt, sei es London, Paris oder Wien, so nachhaltig auf mich gewirkt, selbst nicht Rom bei späteren Besuchen. Im eingangs zitierten Roman der Gertrud von Le Fort heißt es an anderer Stelle: „Aus Rom kommt jeder anders wieder, als er fortging."

 

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Vorschaubild: Blick vom Dach des Petersdoms über den Petersplatz und die via della Conciliatione.

Alle Fotos: Hans Herkes