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Friedrich Joachim Stengel

Friedrich Joachim Stengel

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Saarbrückens genialer Baumeister

Friedrich Joachim Stengel
Friedrich Joachim Stengel

Er wurde 92 Jahre alt, für die Epoche, in der er lebte (1694-1787) ein biblisches Alter. Friedrich Joachim Stengel war einer der bedeutendsten Barockbaumeister überhaupt. Sein Lebenslauf spiegelt das 18. Jahrhundert wider, in dem in Deutschland nebeneinander über 300 Fürsten absolutistisch regierten und nur der eine Karrierechance hatte, dem es gelang, die Gunst wenigstens eines dieser Monarchen zu gewinnen. Dies galt besonders auch für Bauleute, Ingenieure und Architekten. Die weltlichen und geistlichen Landesherren waren die einzigen, die nennenswerte Bauaufträge erteilten.

Glückliche Umstände führten dazu, dass Stengel (mit kurzer Unterbrechung) von 1737 bis 1775 in Diensten des Grafen Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken stand, den er 1739 auch auf einer ausgedehnten Paris-Reise begleiten durfte. Als Goethe im Jahr 1770 Saarbrücken besuchte und von einem „lichten Punkt in einem so felsig waldigen Lande" schrieb, war es die von Stengel gestaltete Residenzstadt, die er kennenlernte und die ihn beeindruckte.

Geboren wurde Stengel am 29 September 1694 in Zerbst, der Residenzstadt des damaligen Fürstentums Anhalt-Zerbst. Schon mit 5 Jahren verlor er seinen Vater, einen Hofbeamten. Die Mutter erkannte und förderte das technische und zeichnerische Talent ihres Sohnes. 

Saarbrücken um 1770
Saarbrücken um 1770

Durch Vermittlung eines Onkels konnte er mit 14 Jahren ein Studium an der Berliner „Academie der Künste" in den Fächern Zeichnen, Geometrie, Zivil- und Festungsbau sowie Geschützkunde beginnen, das er als Ingenieur-Offizier abschloss. 1712 reiste er nach Italien, wo er als Fahnenjunker und „Conducteur" in die Dienste eines unter niederländischem Oberbefehl stehenden sächsisch-gothaischen Regiments trat. Dabei muss er auch einiges von der italienischen Architektur kennengelernt haben.

1740 zog Stengel mit seiner Familie nach Saarbrücken, um den Bau des neuen Residenzschlosses zu betreuen. Als topographische Voraussetzung für seine Pläne musste u.a. der Saarverlauf begradigt und die Schlossmauer neu errichtet werden. Es war der Beginn einer umfassenden städtebaulichen Planung, die das Bild Saarbrückens bis heute prägt. Nach Stengels Plänen wurde 1743 auch die Saarbrücker Friedenskirche gebaut. Sie war ein Geschenk Wilhelm Heinrichs an seine Mutter und die reformierte Gemeinde. 1748 entstand nach seinen Plänen die Turmhaube der Stiftskirche St. Arnual.

Obwohl Stengel in Fürst Wilhelm Heinrich einen ihm zugeneigten Gönner gefunden hatte, der ihm zudem viel Freiheit bei seinen Bauplanungen ließ, verließ er 1750 nach Vollendung des Schlosses und des Schlossplatzes die Stadt, um ein Angebot anzunehmen, sich in Gotha niederzulassen. In seinem handschriftlichen Lebenslauf behauptet Stengel, ihm sei in Gotha eine hohe Stellung „als Rath und Baudirector" und ein doppelt so hohes Salär wie in Saarbrücken angeboten worden, doch ist nicht ganz klar, ob dies so den Tatsachen entsprach. Jedenfalls wurden Stengels Erwartungen offenbar enttäuscht, auch blieben bis auf einige Renovierungsaufgaben reizvolle Bauaufträge in Gotha für ihn aus, so dass er sich schon 2 Jahre später entschloss, nach Saarbrücken zurückzukehren, wo ihn Fürst Wilhelm Heinrich wieder in Dienst nahm.

F.J. Stengel: Hoffassade des Saarbrücker Schlosses
F.J. Stengel: Hoffassade des Saarbrücker Schlosses

Nun begann eine außerordentlich produktive Zeit, in der Stengel - mittlerweile zum Oberbaudirektor ernannt - zahlreiche Bauten in Saarbrücken und in der Umgebung projektierte und zudem die groß angelegte Generallandvermessung leitete. Nach Stengels Plänen und Anleitungen entstanden in den nächsten Jahren u. a. das Lustschloss in Neunkirchen (1753), die Basilika St. Johann (1754-1758), das Witwenpalais in Ottweiler (1759) und der Alte Saarkran (1762) in Saarbrücken. Der barocke Schlossgarten, der damals in Terrassen zur Saar hinab abfiel, entstand in den Jahren 1760 bis 1765. 1760 begannen auch die Planungen zu seinem Hauptwerk, dem Ludwigsplatz und der Ludwigskirche (1762 -1775), die erst sieben Jahre nach dem Tod Wilhelm Heinrichs vollendet wurde.

Trotz vieler Zerstörungen, insbesondere im 2. Weltkrieg, prägen die Stengelschen Bauten, darunter auch der barocke Brunnen auf dem St. Johanner Markt, wesentlich das Bild der saarländischen Landeshauptstadt.

Außer in der Grafschaft Saarbrücken hat Stengel auch an mehreren anderen Orten gewirkt. So gehen der Ost- und Westflügel des Schlosses in Biebrich, der Wiederaufbau des Dornburger Schlosses (Anhalt-Zerbst), die Kirchen in Harskirchen (Lothringen), in Berg (Elsaß) und St. Martin in Jugenheim (Rheinhessen) auf ihn zurück. Die von ihm angestrebte Stellung als Generalbaudirektor bzw. Hofbaumeister erreichte er aber nur in Saarbrücken, der Stadt, der er bis zu seinem Tod treu blieb.

Auszug aus dem handschriftlichen Lebenslauf Stengels (Textbegoinn)
Auszug aus dem handschriftlichen Lebenslauf Stengels (Textbegoinn)

Das meiste, was wir heute über Stengels Leben wissen, entstammt seinem handschriftlichen Lebenslauf*, den er allerdings erst als 69jähriger aufsetzte. So mag sich manches in der Erinnerung verwischt haben und es scheint verständlich, dass er in der Rückschau offenbar einiges beschönigt und vor allem seine Tätigkeiten außerhalb Saarbrückens in ein besonderes Licht gestellt hat.

Sein Lebenslauf wie auch ein an Herzog Friedrich von Gotha im Jahr 1732 gerichtetes Bewerbungsschreiben enthalten zahlreiche Ausdrücke der Unterwürfigkeit gegenüber den Fürsten und hohen Herrschaften, mit denen er es zu tun hatte. Diese Ausdruckweise entsprach der damaligen Zeit und bestätigt, wie sehr er und andere von der Fürstengunst abhängig waren. In seinem Tagebuch berichtet er auch davon, dass in den Jahren 1722 bis 1730, in denen er im katholischen Fürstbistum Fulda als Feldmesser und später als Bauinspektor tätig war, zweimal der Versuch unternommen worden sei, ihn zum Katholizismus zu bekehren. Er führt aus, dass dies ein wesentlicher Grund für ihn gewesen sei, den Dienst in Fulda zu quittieren. Diese Darstellung hat ihm bei protestantischen Fürsten sicherlich einiges Wohlwollen eingetragen.

Tafel an der vermuteten Grabstaette Stengels
Tafel an der vermuteten Grabstaette Stengels

Stengel war dreimal verheiratet. Seiner ersten Ehe entstammte eine Tochter, Elisabeth Wilhelmina. Recht nüchtern liest sich die Tagebuchaufzeichnung über den Tod seiner ersten Frau*:

„Anno 1741 ... hatte ich das Unglück, meine vorerwehnte liebgewesene Ehefrau durch eine beschwehrliche, lange angehaltene Kranckheit zu meiner nicht geringen Betrübtnis zu verliehren. Im Jahr 1742 wurde mir dieser Verlust reichlich ersetzet, da ich das Glück hatte, der Höchst See[ligen] Fürstin von Usingen erste Cammer-Jungfer ... als ein Muster der Tugend kennen zu lernen ...".

Mit seiner zweiten Frau bekam Stengel zwei Töchter, die sehr früh verstarben, und die Söhne Johann Friedrich und Balthasar Wilhelm. Der ältere der beiden wurde später Hofarchitekt der russischen Zarin Katharina II, („Die Große"), der jüngere Oberbaudirektor in Saarbrücken. Dort auch starb am 10. Januar 1787 Friedrich Joachim Stengel, dessen letztes großes Werk, die Saarbrücker Ludwigskirche, zu den bedeutendsten barocken Sakralbauten in Deutschland gehört.

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* Friedrich Joachim Stengel: Mein Lebens-Lauff welchen ich im 1763ten Jahre meiner lieben Frau und Kindern zur Nachricht aufgesetzet habe, bearbeitet von Michael Sander, veröffentlicht in: Friedrich Joachim Stengel. Zum 300. Geburtstag des Fürstlich Nassau-Saarbrückischen Generalbaudirektors, hrsg. von Ernst-Gerhard Güse, Saarbrücken 1994, S. 46-47.

Stengelbauten in Saarbrücken

Schloss und SchlossplatzAltes Rathaus am SchlossplatzSchlossmauerFriedenskircheAlter SaarkranBarocker Brunnen auf dem Marktplatz St. JohannBasilika St. JohannLudwigskirche (Westansicht)Ludwigskirche (Ostfassade)Basilika St. Johann

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Literatur:
Friedrich Joachim Stengel 1694-1787. Zum 300. Geburtstag des fürstlich nassau-saarbrückischen Generalbaudirektors. Saarland-Museum Saarbrücken 1994

Bilder:
- Oben rechts: Friedrich Joachim Stengel. Ölgemäde unbekannter Künstler, vermutlich nach 1742.
- Mitte links: Saarbrücken und St. Johann um 1770. Unbekannter Künstler.
- Mitte rechts: Plan für die Hoffassade des Saarbrücker Schlosses von F.J. Stengel.
- unten links: Auszug aus dem handschriftlichen Lebenslauf von F.J. Stengel. Scan aus der o.g. Veröffentlichung "F.J. Stengel" des Saarland-Museums 1994.
- Tafel an der vermuteten Grabstätte Friedrich Joachim Stengels in Saarbrücken. Fotograf: Stefan Oemisch, der Exilsaarländer (25.12.2012), Lizenz: CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

- Vorschaubild: Hintergrundfoto und Bearbeitung: Rita Dadder
- alle Fotos der Bildergalerie sowie Bildbearbeitung: Rita Dadder