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Heft 4

Konsonantenverbindungen sind schwer. Wir üben sehr!

Nun kommen Wörter mit neuen Lautbildungen (z. B. sp oder ng) schwierige Konsonantenverbindungen (z. B. Mitlautgruppen am Wortanfang) und ausgewählte rechtschreibliche Besonderheiten (z. B. ck oder tz). Die Wörter werden, in einem Übungswortschatz zusammengefasst, gelesen, geschrieben und mit den Rechtschreibkommentaren nach Prof. Weigt markiert.

Wie alt ist die christliche Tradition in Tholey?

Wie alt ist die christliche Tradition in Tholey?

Johannes Naumann

Zur Entdeckung einer frühchristlichen Inschrift aus Tholey

Aufgrund der Nennung im Grimo-Testamente von 634, der älteste erhaltene Urkunde der Rheinlande überhaupt, ist eine Kirche in Tholey belegt. Seit den Forschungen von Prof. Franz Staab, Universität Mainz, gilt Tholey als ältestes Kloster in Deutschland überhaupt. Auch die Arbeit von Prof. Wolfgang Haubrichs, Universität Saarbrücken, über die Tholeyer Abtslisten bezeugt die lange Tradition des Ortes, der wie nur wenige eine Kontinuität von der Spätantike hin zum Frühmittelalter hat.
Die fragmentierte Grabinschrift. (Foto Niko Leiß)
Die fragmentierte Grabinschrift. (Foto Niko Leiß)

Nun kommt ganz unerwartet durch die Neusichtung von Altfunden ein bedeutendes Element für die Forschung um die Frühgeschichte Tholeys hinzu. Es handelt sich um eine frühmittelalterliche Grabinschrift von überregionaler Bedeutung, welche in drei Teile zerbrochen war und deren Zugehörigkeit erst durch Dr. Kresimir Matijevic im Sommer 2010 erkannt wurde. Die Fundumstände der drei Inschriftenfragmente sind überliefert. Sie stammen aus einer Grabung in der Abteikirche aus den Jahren 1902 bis 1905. Erstmals erwähnt wurden sie im Jahr 1929 in einem Brief des Tholeyer Pfarrers Braun an das Rheinische Landesmuseum Trier. In einer Zusammenstellung der römischen Inschriften aus Tholey durch Landeskonservator Alfons Kolling aus dem Jahr 1973 wurden die Fragmente als Einzelstücke beschrieben. Im Rahmen einer erneuten Bearbeitung aller römischen Inschriften von Tholey gelang 2010 erstmals die Vereinigung aller drei Fragmente. Damit waren nicht mehr zusammenhanglose Buchstaben erkennbar, sondern es ergab sich eine für Experten lesbare und zu rekonstruierende Inschrift.

Anlass genug um im Januar 2011 in der Tholeyer Abtei St. Mauritius ein kleines Symposium von Wissenschaftlern zu veranstalten. Die Teilnehmer waren: Dr. Rüdiger Fuchs, Akademie der Wissenschaften, Mainz, Fachmann für Inschriften des Mittelalters; Prof. Dr. Wolfgang Haubrichs, Universität Saarbrücken; Dipl.-Ing. Niko Leiß, Restaurator, Tholey; Dr. Kresimir Matijevic, Universität Trier; Dr. Hiltrud Merten, Archäologin, Trier; Johannes Naumann, Historiker, Thalexweiler und Dr. Rupert Schreiber, Landesdenkmalamt.

Inschriftenstein - Rekonstruktion
Inschriftenstein - Rekonstruktion

Beeindruckend sind schon die Buchstabenhöhe von 9 cm und der Zeilenabstand von zwei beziehungsweise 4 cm. Von drei Zeilen ist die obere stark beschädigt. Formal besteht Inschrift aus dem Eingangsformular hic requiescit in pace (hier ruht in Frieden) gehört zu den gebräuchlichen Einleitungen. Es folgt dann der Titel und Name des Verstorbenen. Dieser wird
als dominus (Herr) bezeichnet. Der Name DRUCT[ ] BODIS wäre nach Haubrichs mit einer romanisierten Form des germanischen Wortstammes druhti („Gefolgschaft") zu deuten, welcher typisch westgermanisch ist. Der für Romanen unaussprechbare Laut [cht] wird dabei durch das [kt] - geschrieben ct - ersetzt, z.B. bei DRVCTACHARIVS. Hinzu kommt oft die Senkung des [u] zu [o], z.B. bei Droctulfus, Droctoveo, DROCTARIVS, DROCTIGYSIL-, DROCTEBADVS, DROCTEBODES.

Das BODIS in der dritten Zeile kann wegen der Endung -IS (sonst auch -ES) nur zu einem zweistämmigen, aus zwei Komponenten gebauten germanischen Personennamen gehören. Die Form kann dann sowohl für den Nominativ als auch für den Genetiv stehen. Der zugehörige Wortstamm bod- < budan- bedeutet etwa ‚Gebot, Befehl' und ist mit dem Wortstamm baud- (‚Gebieter') verwandt. In Latinisierung treten beide Wortstämme häufig als -bodes, -is bzw. -baudes, -is auf, z.B. in Drocte-bodes, Laune-bodis, Ale-bodes, Bere-bodes, Chagne-bodis, Magni-bodis, Rin-bodes, Genno-baudes, Hario-baudes, Mero-baudes, -is, Mallo-baudes, Nio-baudes, Theudo-baudis, Vino-baudis.

Das überraschende ist der von den Experten angegebene Datierungsansatz in die Zeit vor, bis spätestens unmittelbar in die Zeit der Abfassung des Grimo-Testamentes, also in die Zeit um 550, spätestens vor 600/630.

Qualität, Inhalt und Datierung stellen eine für die Landesgeschichte einmalige Neuentdeckung dar. Mit Ausnahme der alten Bischofsstadt Trier gehören derartige christliche Inschriften des frühen Mittelalters zu den großen Raritäten.

Was lässt sich nun über den verstorbenen DRVC[TE] BODIS sagen. Der Name oder auch nur ein entfernt ähnlich klingender fehlen in den Tholeyer Abtslisten. Hochwahrscheinlich haben wir es mit einem Vertreter des fränkischen Adels zu tun. Verwandtschaftliche Beziehung zu dem Diakon Adalgisel genannt Grimo, der 634 seinen wohl ererbten Besitz in Tholey dem Bischof von Verdun vermacht, liegen nahe. Unter Grimos Verwandten befindet sich etwa sein Neffe Bobo auch Bodogisil, der als Herzog des austrasischen Teilreiches der Merowinger in sprachlich engem Zusammenhang zu der vorgestellten Grabinschrift gehört. Demnach wäre die Grabinschrift einem gemeinsamen Vorfahren zuzuschreiben.

Aus der Zeit zwischen dem Ende des Römischen Reiches und dem Jahre 634 sind unterdessen auch weitere bisher nicht bekannte Funde aus dem Bereich der Klosteranlage in den letzten Jahren bekannt geworden. Neben Keramik ist eine fränkische Nachprägung einer Goldmünze (Tremissis) auf den byzantinischen Kaiser Justinian (Regierungszeit 527 bis 565) in den Beständen des Abteiarchives aufgefunden worden. Der beigelegten Notiz ist zu entnehmen, dass die Münze 1951 beim Bau der Sakristei im Bereich der Südfassade der Abteikirche gefunden wurde.

Eine Darstellung der neuen Erkenntnisse in einer Publikation scheint immer mehr geboten.

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Literatur:
• Haubrichs, Wolfgang: Die Tholeyer Abstlisten des Mittelalters. Philologische, onomatische und chronologische Untersuchungen, Saarbrücken 1986.
• Matijevic, Kresimir: Die Inschriften von Tholey, Landkreis St. Wendel, Gallia Belgica. In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend, Band 59, 2011, S. 9-58.
• Staab, Franz: Wann beginnt die monastische Tradition Tholeys? In: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend, Band 36, 1988, S. 17-25.