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Jürgen Klose
Kennst du Friedrich Schiller? 

Ein kreativer Querkopf mit allerlei Flausen scheint Schiller wohl gewesen zu sein, wenn man ihn mal ganz ohne Pathos betrachtet.

 

Alter Friedhof Saarlouis

Alter Friedhof Saarlouis

Florian Russi

Gleichheit im Reich der Toten

Jüdischer Friedhof
Jüdischer Friedhof

Friedhöfe sind Kult- und Kulturstätten. Sie verraten viel über die Menschen, die in ihrer Nähe wohnen oder gewohnt haben. Der Alte Friedhof in Saarlouis sagt etwas darüber aus, dass diese Stadt gesellschaftlich bunt gemischt war. Hier lebten Französisch- und Deutschstämmige, Katholiken, Protestanten und Juden, Zivilisten und Militärs, Kaufleute und Beamte in enger Gemeinschaft und seltener Eintracht zusammen. Dementsprechend bekam auch jeder, der in der Stadt sein Leben beendete, auf dem Alten Friedhof seine letzte Ruhestätte.

Im Jahr 1773 wurde der katholische Friedhof eröffnet und im Jahr 1821 daneben ein protestantischer Garnisonsfriedhof. Das hing damit zusammen, dass die Saarlouiser Stammbürger fast alle katholisch, die in der Stadt stationierten preußischen Offiziere aber zumeist Protestanten waren. 1905 kam der jüdische Friedhof hinzu. Zunächst waren die Areale durch Mauern getrennt, wie es dem damaligen Gesellschaftsverständnis entsprach. Die Mauern wurden jedoch später entfernt. Bald schon waren Protestanten und Katholiken nebeneinander beerdigt worden. Der jüdische Friedhof bildete kein Ghetto. Man respektierte ihn als eigene Kultstätte.

Soldatenfriedhof
Soldatenfriedhof

Auch für die Soldaten gab es eigene Begräbnisfelder. Gefallene des 1. Weltkriegs belegen ganze Gräberzeilen. Saarlouis war und ist Garnisonsstadt. Die heutige Kreisstadt wurde 1680 vom französischen König Ludwig XIV. gegründet. Als Grabstätten wurden zunächst die Katholische Kirche St. Ludwig und die Kirche der Augustiner (beim heutigen Canisianum) sowie Areale im heutigen Stadtpark, bei der Augustinerkirche und in der Nähe der heutigen Zeughausstraße genutzt.

Seit 1921 gibt es den großen „neuen Friedhof", im Westen der Stadt am Fuß des an dieser Stelle sanft ansteigenden Saarlouiser Gaus gelegen. 1995 wollte die Stadtverwaltung den Alten Friedhof still legen und keine weiteren Bestattungen mehr zulassen. Dagegen bildete sich eine Bürgerinitiative, die bis heute den Erhalt und die Gestaltung des Alten Friedhofs fördert und dabei inzwischen auch von der Stadt unterstützt wird. Wer den Friedhof besucht, wird erkennen, dass sich dieser Einsatz gelohnt hat. Das 17.000 qm große Gelände ist in einen historischen und einen allgemeinen Teil, in den Soldaten- und den jüdischen Friedhof viergeteilt. Hier findet der Besucher auf einem überschaubaren Raum nebeneinander vier Begräbniskulturen.

Bild auf der Grabplatte des Zirkusjungen Anton Mark
Bild auf der Grabplatte des Zirkusjungen Anton Mark

Vor allem die alteingesessenen Familien nutzen die Stätte. Die „alten Saarlouiser" waren bei aller Toleranz immer schon eine Spezies für sich. Sie fühlten sich der Stadt und ihren Traditionen besonders verpflichtet, bevorzugten bestimmte Gaststätten und trafen sich häufig nach dem katholischen oder evangelischen Kirchgang auf dem Alten Friedhof, um ihrer Verstorbenen zu gedenken, ein wenig zu plauschen und sich zu verabreden. So symbolisierte dieser Friedhof immer schon ein Stück Familientradition und -geschichte. Die aber gehört zur Stadt und dokumentiert sich in dem parkähnlichen Gelände, verwitterten und bemoosten Gedenksteinen, liebevollen Nachrufen, hübschen Engelsfiguren, Skulpturen, Grabplatten, schlichten Stein- oder Holzkreuzen und alten Baumbeständen.

Unter den Gräbstätten befinden sich zwei, die jeden Besucher persönlich anrühren. Da ist zum einen die des 1901 mit 12 Jahren tödlich verunglückten Zirkusjungen Anton Mark. Zusammen mit seiner 10-jährigen Schwester fiel er bei einer Galavorführung auf dem Markt vom Trapez und starb drei Tage später an den Folgen seiner inneren Verletzungen.

Grab von Chim Bebe
Grab von Chim Bebe

Bei der zweiten handelt es sich um die letzte Ruhestätte von Chim Bebe aus Lomé, der Hauptstadt von Togo. Der westafrikanische Staat war von 1884 bis 1914 deutsche Kolonie. Ein Saarlouiser Möbelhändler hatte den kränklichen jungen Mann von dort mitgebracht. Er wurde in seiner Familie freundlich aufgenommen und umsorgt. Der Afrikaner erledigte für den Händler und seine Familie anfallende Hausarbeiten und machte sich gelegentlich als Kutscher nützlich. Als er mit nur 29 Jahren (geb. 19. August 1882, gest. 10. Februar 1912) an Wassersucht starb, ließ ihm sein Dienstherr im Alten Friedhof ein Grab errichten und in den Grabstein eingravieren:
"Hier ruht in Gott mein lieber Neger | Chim Bebe | gestorben 1912 im Alter von 26 Jahren".

So kam es, dass der Alte Friedhof nicht nur die sterblichen Reste von Katholiken, Protestanten, Soldaten, Juden und einem Zirkusjungen, sondern auch die eines Schwarzafrikaners beherbergt.

 

Bildergalerie

GrabmälerFriedhofswegChronos, Gott der VergänglichkeitGrabmal mit KreuzTrauernde SoldatengräberGefallene des 1. WeltkriegsJüdisches FamiliengrabVerwitterte GräberEngelchenGräberImposante EngelsfigurGräberAnonymes UrnengrabGrabkapelle

 

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Literatur:
Gernot Karge, Hans Jörg Schu: Der Alte Friedhof Saarlouis. Seine Bedeutung, seine Geschichte, seine Grabmäler. Saarlouis: Kreisstadt Saarlouis 2008.

Bilder: 
- alle Fotos einschließlich Vorschaubild und Bildergalerie: Florian Russi