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Über Werte und Tugenden

Florian Russi

Mehr denn je wird über die althergebrachten Werte und Tugenden diskutiert. Sind Tugenden und Werte Begriffe aus der Klamottenkiste oder bestimmen sie auch heute noch unser Handeln? 

Leben an der Grenze

Eine Kindheitserinnerung

Trotz mehrerer Wohnungswechsel habe ich - von einem Evakuierungsjahr abgesehen - als Kind mit meinen Eltern und danach mit meiner eigenen Familie immer in der Nähe der französischen Grenze gewohnt; nie waren es mehr als zehn Kilometer bis zu den Schlagbäumen und Zollhäusern. Und immer gab es auf der anderen Seite Menschen, die mir, die uns nahe standen: Verwandte und Bekannte, die wir und die uns besuchten. Ganz unkompliziert war das in den Kriegsjahren von Herbst 1940 bis Sommer 1944. Ohne an der Rosselbrücke kontrolliert zu werden, konnten wir die Verwandten in Kleinrosseln besuchen. Als im Sommer 1944 mein Großvater nach der Operation in einem Saarbrücker Krankenhaus zur Rekonvaleszenz nach Forbach verlegt worden war, fuhr ich als 12jähriger mit der Straßenbahn von meinem Heimatort Wehrden nach Großrosseln, ging über die Brücke und nahm auf der anderen Seite die Bahn nach Forbach. Weder vor dem Krieg noch in den ersten Nachkriegsjahren war es so einfach, „hinüber" zu gehen.

Wenn wir in den 30er Jahren die Familie der Schwester meines Vaters in Kleinrosseln besuchen wollten, war das für meine Eltern immer ein Anlass zu Überlegungen und Befürchtungen wie: Was dürfen wir mitnehmen? Werden sie uns kontrollieren? Werden sie uns durchlassen, wenn wir durch den Wald gehen, wo kein offizieller Grenzübergang ist? und dergleichen mehr. Die Lothringer und die Saarländer waren jeweils die Paten der Neffen und Nichten von der anderen Seite. Zur Erstkommunion war es damals üblich, dass die Jungen von ihrem Paten eine Uhr geschenkt bekamen, die erste ihres Lebens, eine Taschenuhr. Natürlich war es den Zöllnern bekannt, dass die Passanten am Weißen Sonntag Geschenke mitbrachten. „Wie machen wir es mit der Uhr für Erwin?" fragten sich meine Eltern, bevor wir uns auf den Weg machten, „müssen wir sie angeben, gar verzollen? Sollen wir die Rechnung mitnehmen?" Diesmal ging alles gut.

So hat denn auch eine meiner ersten Kindheitserinnerungen mit der Grenze zu tun. Nur bin ich nicht mehr sicher, ob ich mich wirklich daran erinnere, wie das damals im Wald bei Kleinrosseln war, oder vielmehr an die späteren Erzählungen meiner Eltern. Ich muss damals drei oder höchstens vier Jahre alt gewesen sein. An einem Sonntagnachmittag wollten wir die Schwester meines Vaters, meine Patin, besuchen, aber nicht mit der Straßenbahn, sondern zu Fuß über die bewaldeten Hügel zwischen Wehrden, Fürstenhausen, Geislautern und Klarenthal. Der Weg war weit, zu weit für den Dreijährigen. Meine Eltern mussten mich einen Teil der Strecke tragen. Dazu hatten sie einen kleinen Tragsitz. Er bestand aus zwei in einen hellen Stoff eingenähten Brettchen als Sitz, einer Rückenlehne und Seitenteilen aus dem gleichen Stoff. Auf beiden Seiten waren mit Stoffschlaufen hölzerne Griffe befestigt. Wenn ich dann wieder laufen konnte, klappte meine Mutter den Tragsitz zusammen und steckte ihn in ihre Tasche. So kamen wir an die Grenze. Da hielt uns ein französischer Zöllner an, grüßte und stellte die üblichen Fragen:
- Wohin gehen Sie?
- Nach Kleinrosseln.
- Was tun Sie dort?
- Wir besuchen unsre Verwandten.
- Können Sie sich ausweisen?
- Hier sind unsre Pässe.
- Haben Sie etwas anzumelden?
- Nein.
- Was führen Sie in der Tasche mit?
- Nichts Besonderes.
- Bitte zeigen Sie mir den Inhalt Ihrer Tasche!
Meine Mutter nahm den Tragsitz heraus und gab ihn dem Zöllner in die Hand, der ihn neugierig ansah. Das war zuviel für mich, wusste ich doch, dass von Zollbeamten nichts Gutes zu erwarten war. „Das ist mein Tragstühlchen", rief ich, „das brauche ich noch, bis ich größer bin. Ich packe den weiten Weg doch nicht bis bei meine Got!" Hinterher bekam ich gewiss einen Schreck über meine Dreistigkeit, aber meine Eltern waren ja da. Der Zöllner lächelte freundlich, gab mir den Sitz zurück und sagte: „Hier hast du dein Stühlchen wieder. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Nun zeig mir, wie das geht." Meine Eltern hoben mich in den Sitz und gingen weiter.
„Au revoir, Messieursdames, bonne route, mon petit!" rief uns der Zöllner nach.

Zehn Jahre später war alles anders. Der Krieg war über das Land gegangen. Die Grenze war dicht. Meine Patin und meine Cousine Lore konnten nicht in Kleinrosseln wohnen bleiben, sie waren Deutsche. Der Cousin Erwin war als deutscher Soldat in Russland gefallen, der Onkel in Gefangenschaft. Aber es gab drüben noch andere Verwandte, eine Tante und ein Onkel meines Vaters, die in den zwanziger oder dreißiger Jahren Franzosen geworden waren. Sie wohnten auf der Alten Glashütte, einem höher gelegenen Teil der Gemeinde Kleinrosseln, der unmittelbar an der Grenze liegt. An der Straße, in der die Verwandten vor dem Krieg und in den Kriegsjahren gewohnt hatten, stehen nur auf einer Seite Häuser. Der Wald auf der anderen Seite gehört zum saarländischen Klarenthal. Es muss im Sommer 1946 gewesen sein, als wir uns auf den Weg machten, um nach den Verwandten zu schauen, von denen wir zwei Jahre nichts gesehen und gehört hatten. Am Waldrand versperrte ein Schlagbaum den Weg, der in die Straße vor den Grubenhäusern mündete. Leute standen diesseits und jenseits der Barriere, die die Grenze markierte, und sprachen miteinander. Mein Vater fragte jemanden von drüben, ob ihm die Familie L. bekannt sei und er sie verständigen könne, dass Verwandte da seien. So gab es nach zwei Jahren das erste Wiedersehen am Grenzbalken, und die Zeit reichte nicht aus, um all das zu erzählen, was den einen und den anderen widerfahren war.

 

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Foto Schlagbaum: Quelle wikimedia commons