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Karlheinz Fingerhut 
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Der Saarländer schwenkt

Der Saarländer schwenkt

Hans Herkes

Ein kulinarischer Brauch und seine historische Bewandnis

Der Mensch denkt,
und Gott lenkt.

So ist das. Wir wissen es, weil wir es gesagt bekamen und dann selbst erlebt haben. Und die vor uns wussten es auch, sonst gäbe es das Sprichwort nicht. Sprichwörter sind alt. Wer hat es zum ersten Mal gesagt? Niemand weiß es. Vielleicht werden die Alttesttamentler beim König Salomon fündig.

Nun ist mir vor einiger Zeit in Merzig etwas Sonderbares widerfahren. In einem Geschäft am Seffersbach sah ich eine Schürze für Hobbyköche hängen, darauf stand:

Der Mensch denkt.
Gott lenkt.
Der Saarländer schwenkt.

Was für eine treffliche Fortsetzung wenn nicht gar Vollendung einer alten Redensart.¹
Der Saarländer wohlgemerkt, nicht die Saarländerin. Grillen und Schwenken in Höfen und Gärten an warmen Sommerabenden, das ist Männersache. Es gilt selbst für solche, die sich normalerweise in der häuslichen Küche damit begnügen, ihrer Frau höchstens mit Rat, selten mit Tat zur Seite zu stehen.

Seit wann schwenken die Saarländer? War es immer so? Haben es unsere Väter, unsere Großväter schon getan? Bei den Soziologen findet man nichts darüber. Vielleicht gibt es in den Annalen der Metzgerinnung Statistiken. So verbreitet die schöne Sitte ist, kann sie nicht erst gestern entstanden sein. So etwas entwickelt sich im Laufe vieler Generationen. So viel ist klar, das Schwenken ist an der Saar entstanden. Nirgends verstehen sich die Schwenker so gut auf ihr Geschäft und sind ihre Produkte so köstlich wie hier. Gibt es etwa sonst irgendwo in deutschen Landen gute Lyoner?

Wir wollen die Leser und unter ihnen die Schwenker der kommenden Saison nicht auf die Folter spannen. Die Antwort auf die alles entscheidende Frage: „Wo, wann und von wem wurde das Dreibein mit dem runden Rost zum ersten Mal über ein Feuer gestellt?" ist gefunden. Es geschah in den Saarwiesen unterhalb der Saarbrücker Burg (es war noch nicht das Schloss) vor 570 Jahren, im Jahre 1442, ein halbes Jahrhundert vor der Entdeckung Amerikas, bei einem großen Fest, das die Gräfin Elisabeth gab, nachdem sie die Herrschaft auf ihre beiden Söhne Philipp und Johann übertragen hatte. Der Erfinder des dreh- und schwenkbaren so wie in der Höhe verstellbaren Grills war Jok, der Ehemann der Schlossköchin Adeline.

Nun soll niemand einwenden, das hätte sich ein saarländischer Lokalpatriot fein ausgedacht. Es ist eine Österreicherin, Ulrike Jacobs, die es berichtet. Ihr Mann, Manfred Jacobs, gebürtiger Rheinländer und im Saarland aufgewachsen - wie sollte eine Österreicherin die Bedeutung der Sache einschätzen können, da muss schon ein Saarländer dabei sein - also ihr Mann ist natürlich an der Geschichte beteiligt. Beide haben ein schönes Buch über Elisabeth von Nassau-Saarbrücken geschrieben: Die Grenzgängerin². Auf Seite 174 liest man:

„Saarbrücken ist doch ein schöner Ort zum Feiern, also sagen wir unseren Leuten: Feiert und lasst es Euch gut gehen!"  

Elisabeth hatte verfügt, dass nicht nur die Notabeln der Grafschaft auf die Burg einzuladen seien, sondern alle, die auf der Burg lebten und arbeiteten, auch die Handwerker, die in Diensten der Burg standen mitsamt ihren Familien. Also tout Sarrebruck hatte Adeline zu ihrem Jok gesagt, der breit grinsend nickte. Jok hatte für ausreichend Verpflegung gesorgt. Es sollte Ochsen und Hammel am Spieß geben, dazu Wein von den Hängen der Saar und der Blies und Bier aus der Klosterbrauerei in Wörschweiler. Außerdem stellte Jok zum ersten Mal seine eigene Erfindung vor, die es erlaubte, kleinere Fleischstücke über dem offenen Feuer zu rösten, ohne sie anbrennen zu lassen. Die Idee dazu war ihm bei einem Picknick mit Adeline und ihren drei Kindern gekommen, als er sich darüber ärgerte, dass er kaum mehr dazu kam im Gras zu ruhen, weil er immer den Spieß drehen musste. Ein Dreibein, an dessen Spitze eine Kette befestigt war, die man hoch- und runterlassen konnte und die einen runden Rost hielt, auf dem die Fleischstücke lagen, hatte er bauen lassen. Kinderleicht zu bedienen, hatte Jok gedacht und sich dabei vorgestellt, wie er auf dem Rücken im Gras liege, während seine Kinder den Rost ab und zu anstießen und über dem Feuer zum Pendeln brachten. Elisabeth hatte sich das erste Modell interessiert angeschaut und ihm eine große Zukunft prophezeit, wenn Jok den richtigen Namen dafür finden werde.
„Schwinger?", hatte Jok vorgeschlagen, „weil es doch schwingt, oder weil es einfach zu handhaben ist: Kinderschwinger?"
Elisabeth hatte gelacht und gemeint, ihm würde bestimmt noch etwas Besseres einfallen. 

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¹ Wir danken Herrn Charly Lehnert vom Lehnert-Verlag Saarbrücken für seinen Hinweis, dass das Zitat im Original aus dem Buch "Das saarländische Schwenker Buch" von Schorsch Seitz stammt.  

² Ulrike und Manfred Jacobs, Die Grenzgängerin. Elisabeth von Lothringen. Gollenstein Verlag, Blieskastel 2007.

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- Vorschaubild: Schwenker mit Bauchlappen, Merguez, und mehr. Urheber Viribus unitis at de.wikipedia ID 117 209, CC BY-SA3.0 via Wikimedia Commons.
- Foto "Schwenkgrill": Rita Dadder