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Das Kräuterweib vom Hexenberg

Heil- und Gewürzpflanzen

Viola Odorata

Broschüre zur Bedeutung und Anwendung von Heil- und Gewürzpflanzen

Wallerfanger Bergblau

Azuritabbau seit der Römerzeit

Kleine Azuritbrocken - die Messingschale hat innen 14,5 cm Durchmesser (Heimatmuseum Wallerfangen)
Kleine Azuritbrocken - die Messingschale hat innen 14,5 cm Durchmesser (Heimatmuseum Wallerfangen)

In Wallerfangen, von Saarlouis aus etwas saarabwärts gelegen, gibt es ein kleines aber interessantes Heimatmuseum. Darin sieht man schönes Geschirr aus der ehemaligen Steingutfabrik, Bodenfunde aus vorgeschichtlicher Zeit, die auf dem von Papen'schen Gelände zu Tage kamen, Fossilien und Mineralien, manche Stücke von so eindrucksvoller blauer Farbe, bei deren Betrachten der Laie sich wundert, dass so etwas in der Erde gefunden wird. Das ist Azurit, ein kupferhaltiges Mineral mit einer komplizierten chemischen Formel [2CuCo³Cu(OH)²], das als Grundstoff zur Herstellung blauer Farbe Wallerfanger Bergblau genannt wurde. Nach einer Überlieferung sollen die Deckengewölbe des Papstpalastes in Avignon, die mit eingestreuten Sternen das Firmament symbolisieren, damit eingefärbt worden sein. Albrecht Dürer hat mit Wallerfanger Blau gemalt.

Emilianusstollen, mit Backsteinpfeilern für Besucher gesichert
Emilianusstollen, mit Backsteinpfeilern für Besucher gesichert
Bergbau auf Buntmetalle und Eisen gab es in der näheren und weiteren Umgebung an vielen Orten in Lothringen und an der Saar. Mit Stollen, die in die Hänge getrieben wurden, oder durch Schächte von der Gauhochfläche bei St. Barbara aus suchte man die erzführenden Schichten des Buntsandsteins zu erreichen. Die Spuren dieser Art des Bergbaus sind noch heute zu erkennen an Vertiefungen, die durch eingestürzte Schächte entstanden sind, und in neuerer Zeit wieder frei gelegten Stollen. Am bekanntesten und auch zu besichtigen ist das ehemalige Kupferbergwerk bei Düppenweiler, wenige Kilometer von Wallerfangen entfernt auf der anderen Saarseite gelegen, Dort wie an den meisten Orten war es das Ziel, aus dem Kupfererz das Metall zu gewinnen. Anders in Wallerfangen, hier ging es um die Herstellung der blauen Farbe. Die Farbpalette der modernen chemischen Industrie umfasst viele Tausend Positionen. Darüber wundern wir uns nicht. In älterer Zeit war man für die Farbherstellung auf Stoffe angewiesen, die die Natur bereit hielt und die nicht durch komplizierte Verfahren verändert werden mussten: Mineralien (Malachit, Rötel), Pflanzen (Krapp, Waid), auch Tiere (Purpurschnecke). Es versteht sich, dass Azurit beim Verkauf mehr einbrachte als Kupfererz, aus dem man das Metall gewann. Kein Wunder also, dass die lothringischen Herzöge in Nancy, zu deren Herrschaftsbereich Wallerfangen mehrere Jahrhunderte gehörte, am dortigen Bergbau interessiert waren, ihn förderten, kontrollierten und natürlich den Zehnten als Steuer einzogen.
Kinder im Emilianusstollen (Höhe 1,80 m)
Kinder im Emilianusstollen (Höhe 1,80 m)

Der Azuritabbau bei Wallerfangen geht jedoch nicht erst auf die Zeit Dürers (16. Jh.) oder der Päpste in Avignon (14. Jh.) zurück, er ist wenigstens tausend Jahre älter. Schon zu römischer, wenn nicht gar keltischer Zeit wurde hier Bergbau betrieben. Ein Herr namens Emilianus ist der älteste Bergbaubetreiber auf deutschem Boden, dessen Namen wir kennen. Eine Inschrift in der Felswand in der Nähe des Mundlochs eines Stollens bei Wallerfangen nennt ihn:
INCEPTA OFFICINA EMILIANI NONIS MART.
Im März hat er also mit der Arbeit begonnen. In welchem Jahr? Schade, es ist nicht zu ermitteln. Warum dann die Inschrift? Emilianus hatte eine Konzession der römischen Verwaltung erlangt, musste pünktlich mit der Arbeit beginnen, durfte sie nicht willkürlich unterbrechen und musste den Erfolg nachweisen, um sie fortsetzen zu dürfen.

Wer war Emilianus? Ein echter Römer aus Italien oder wenigstens Südfrankreich? Wohl eher nicht. Er wird ein Einheimischer gewesen sein, der sich als Römer verstand, ein romanisierter Gallier, wie man heute sagt, aus der unmittelbaren Umgebung, vielleicht auch aus Pachten auf der anderen Saarseite. Dort fand man im Theater einen Sitzstein, in den der Name Emilianus eingemeißelt ist. Wer weiß, wie viele Väter damals diesen Namen schön fanden für einen ihrer Söhne! Immerhin, fänden wir eines Tages bei der Ausgrabung eines römischen Gräberfeldes am Fuß des Limbergs oder in Pachten einen Gedenkstein, der noch Spuren einer ehemaligen Blaufärbung zeigte - römische Grabsteine wurden gern bunt bemalt, die Igeler Säule war auch bunt - und dessen Inschrift etwa lautete: Diesen Stein setzte Emilianus seinem Vater ..., und dann folgte ein keltischer, kein römischer Name, dann wüssten wir ... ach, dann wüssten wir immer noch nicht, aber wir hätten einen Grund mehr für die Vermutung, dass der erste namentlich bekannte Bergbaubetreiber auf deutschem Boden ein Treverer von der Saar war, und er hat nicht nach Steinkohlen gesucht, womit man den saarländischen Bergbau üblicherweise verbindet, sondern nach Kupfererz, nach Wallerfanger Bergblau.

Erbsengroße Azuritkügelchen (Heimatmuseum Wallerfangen)
Erbsengroße Azuritkügelchen (Heimatmuseum Wallerfangen)
Was geschah mit dem Azurit aus Wallerfangen zu römischer Zeit? Als in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die etwa 35 km nordwestlich von Wallerfangen gelegene römische Villenanlage bei Perl-Borg ausgegraben wurde, fand man beim Sieben der Erde kleine, etwa erbsengroße Kügelchen, teils einzeln, teils mehrere zusammengebacken, deren blaue Farbe deutlich zu erkennen ist: Azurit. Hat also die „Anstreicherkolonne", die im 2. oder 3. Jahrhundert in Borg tätig war, den Rohstoff von Wallerfangen bezogen, vielleicht noch von Herrn Emilianus selbst, und die Wandfarbe an Ort und Stelle durch Zerstampfen, Mahlen und Anrühren mit einem Haftmittel hergestellt? So könnte es gewesen sein. In Borg kamen reichlich mit azurblauer Farbe versehene Verputzteile zu Tage. Bei der Rekonstruktion der Villa hat man die Wände im Bereich des Kaltwasserbeckens himmelblau eingefärbt, in den beiden folgenden Räumen herrschen Grün und Rot vor. Die Besucher der Anlage erfreuen sich an der Farbenpracht, äußern aber manchmal Zweifel, ob es denn vor 1800 Jahren wirklich so gewesen sein könnte. Die Voraussetzungen waren jedenfalls gegeben. Wo Azurit gefunden wird, findet man auch häufig das andere kupferhaltige Mineral Malachit, das als Grundstoff für die Herstellung grüner Farbe dienen kann, und die Rötelschicht bei Oberthal ist an der Erdoberfläche zu erkennen. Mineralfarben herzustellen dürfte also in römischer Zeit in unserer Heimat kein Problem gewesen sein.

 

 

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Quellen:
- Der Emilianusstollen in Wallerfangen-St. Barbara. Sehenswertes im Kreis Saarlouis.
- Das Kupfererzbergwerk des Emilianus bei St. Barbara. Jürgen Kölb in Saarbrücker Bergmannskalender 1990.
- Mit Wallerfanger Bergblau malte auch Albrecht Dürer. Jürgen Kölb in Saarbrückerv Bergmannskalender 1992.

Bildnachweis:
- Vorschaubild: Wappen der Gemeinde Wallerfangen
- Fotos von Dieter Niemeyer, Wallerfangen, mit freundlicher Genehmigung