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Umschlagbild Reb Mosche Merzig

Alfred Diwersy, Hans Herkes (Hrsg.)

Reb Mosche Merzig
und die jüdische Geschichte der Stadt


Der 150. Todestag von Reb Mosche Merzig wurde zum Anlass, von ihm, der jüdischen Gemeinde und ihrem Leben zu berichten, von Familien- und Einzelschicksalen, von Ermordeten und Geretteten, von Begegnungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ergänzt werden die Texte durch Dokumente und Fotos, teils aus Privatbesitz und bislang unveröffentlicht.

208 Seiten, gebunden, mit zahlreichen zeitgenössischen Fotos und Dokumenten. Gollenstein Verlag Merzig 2011. ISBN: 978-3-86390-000-7

Ein besonderer Gedenktag in Merzig am 6. November 2011

Ein besonderer Gedenktag in Merzig am 6. November 2011

Hans Herkes

Der 150. Todestag von Reb Mosche Merzig

Moise Isack Levy, genannt Reb Mosche Merzig
Moise Isack Levy, genannt Reb Mosche Merzig

Das Andenken an einen Juden soll begangen werden drei Tage vor dem 9. November. Wer denkt da nicht an den Jahrestag der Reichspogromnacht 1938? Am Tag danach brannte auch in Merzig die Synagoge, wurde der jüdische Friedhof geschändet. Die Erinnerung an diese Verbrechen kann an einem solchen Tag nicht unterdrückt werden. Die Feier galt indes einem zu seiner Zeit berühmten Sohn der Stadt Merzig, an dessen Begräbnis im Jahr 1861 viele Bürger der Stadt teilnahmen, Juden und Christen: Reb Mosche Merzig. Das war nicht sein richtiger Name, sondern ein Ehrentitel, der ihm wegen seiner Gelehrsamkeit und seinem besonderen Charisma zuteil wurde. Seine Talmudschule zog Schüler aus der näheren und weiteren Umgebung an, aus Deutschland sowohl wie aus Frankreich.

Moise Isack Levy, so hieß er richtig, war am 23. März 1804 in Merzig geboren worden. Nach dem jüdischen Kalender war das der 11. Nissan des Jahres 5564. Die Eintragung der Geburt des Jungen im Standesamt erfolgte weder nach dem gregorianischen noch nach dem jüdischen Kalender, sondern nach dem französischen Revolutionskalender: Acte de naissance de Moise Isack Levy né le premier Germinal à dix heures du matin l'an douze de la Révolution française. Seine Eltern waren der Handelsmann Isack Levy und dessen Ehefrau Eve Zerf Olmann. Sie gehörten zu den wohlhabenden Bürgern der Stadt und konnten es sich leisten, ihren Sohn bei einem berühmten Rabbi in Mainz, dem Vorsteher des jüdischen Gerichtshofes und der Talmudschule, studieren zu lassen. Von den Studienjahren abgesehen verbrachte Moise sein ganzes Leben in Merzig. Er war nie Angestellter der Synagogengemeinde, hatte aber großen Einfluss auf das jüdische Leben in seiner Heimatstadt, war am Bau der Synagoge und der Einrichtung der jüdischen Elementarschule beteiligt und gründete in seinem Haus die Talmudschule, durch die er berühmt wurde.

Gedenkandacht auf dem jüdischen Friedhof
Gedenkandacht auf dem jüdischen Friedhof

Sein Ehrentitel ist überliefert in einer Empfehlung des Rabbis Jacob Haguenauer aus Marmoutier im Unterelsaß. Dieser riet einem seiner Schüler, seine Studien in Merzig fortzusetzen bei Moses Levy, „plus connu sous le nom de Reb Moché Merzig". Er starb am 29. September 1861 und wurde auf dem jüdischen Friedhof seiner Heimatstadt begraben. 

Das Sterbedatum entspricht im jüdischen Kalender dem 25. Tischri 5622, der im Jahr 2011 auf den 23. Oktober fällt. Es waren äußere Gründe, die es nicht zuließen, die Gedenkfeier auf diesen Tag zu legen.

Weit mehr als hundert Teilnehmer fanden sich bei sonnigem Herbstwetter auf dem Platz ein, wo die Synagoge gestanden hatte, und wurden von Bürgermeister Manfred Horf im Namen der „Arbeitsgruppe Jüdische Geschichte der Stadt Merzig" begrüßt. Auf dem nahen jüdischen Friedhof, wo Reb Mosche Merzig begraben worden war - man kennt sein Grab nicht mehr - hielt der Kantor der Synagogengemeinde Saar, Benjamin Chait, eine Gedenkandacht. In ritueller Kleidung und entsprechender Haltung trug er die hebräischen Gesänge und deren deutsche Übersetzung vor, zuletzt das Kaddisch, das jüdische Totengebet.

Gedenkstein für Reb Mosche Merzig im Park des Gustav-Regler-Zentrums
Gedenkstein für Reb Mosche Merzig im Park des Gustav-Regler-Zentrums

Die eigentliche Gedenkveranstaltung fand im Gustav-Regler-Zentrum statt, wo im „Park der Andersdenkenden" im Jahr 2004 ein von Professor Paul Schneider gestalteter Gedenkstein aus Anlass des 200. Geburtstages des Rabbis errichtet worden war. Darin sind sein Name und seine Lebensdaten eingemeißelt und in hebräischer Sprache ein Satz aus einem Nachruf aus seinem Sterbejahr 1861: Moses war ein bescheidener Mann. 

Nach Begrüßungsansprachen von dem Vorsitzenden des Gustav-Regler-Zentrums, Dr. Martin Kaiser, und Bürgermeister Manfred Horf in Vertretung des Oberbürgermeisters Dr. Alfons Lauer sprach der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann, über jüdisches Leben in unserem Land von seinen Anfängen in der Römerzeit bis zur Verfolgung und Auslöschung in der Nazizeit. Er dankte der Arbeitsgruppe, die durch die Vorbereitung dieser Feier und die Herausgabe des Buches „Reb Mosche Merzig und die jüdische Geschichte der Stadt" das Andenken an die Juden und an einen ihrer bedeutendsten Söhne wach halte.

Gedenkveranstaltung im Gustav-Regler-Zentrum, am Rednerpult Alfred Diwersy
Gedenkveranstaltung im Gustav-Regler-Zentrum, am Rednerpult Alfred Diwersy
Alfred Diwersy, Verleger, Mitautor und Mitherausgeber, stellte das Buch den Anwesenden vor und berichtete, auf welchen Wegen und Umwegen es zu Stande gekommen war. Vom Buchdeckel blickt den Leser Reb Mosche an, ein Portrait aus einer Zeit, in der es noch nicht die Fotografie gab. Wie es von Merzig über die USA wieder nach Merzig zurück kam, so dass Moise Isack Levy in seiner Heimatstadt wieder ein Gesicht hat, erzählt ein Beitrag im Buch. Es war lange Zeit nicht ganz sicher, wo Reb Mosche in Merzig gewohnt und gewirkt hatte. Zwar heißt es in Wilhelm Laubenthals Buch „Die Synagogengemeinden des Kreises Merzig", er habe im Haus Nr. 116 in der Wagnerstraße gewohnt. Aber wo stand dieses Haus, wenn die Wagnerstraße eher weniger als 20 Häuser hatte? Auch dieses Rätsel konnte die Arbeitsgruppe lösen, und so zeigt nun eine Schrifttafel in der Wagnerstraße die Stelle an, wo Reb Mosche Merzigs Haus gestanden hatte.
Gedenktafel in der Wagnerstraße in Merzig
Gedenktafel in der Wagnerstraße in Merzig
Diese Gedenkveranstaltung ist nun nicht nur wegen ihres Gegenstandes eine besondere zu nennen, sondern auch wegen ihres Ablaufes. „Kann man es den Teilnehmern zumuten, sich an einem Nachmittag an vier verschiedene mehr oder weniger auseinander liegende Orte zu begeben?" hatten sich die Organisatoren gefragt. Die Leute nahmen die Herausforderung an und kamen danach noch zu Gespräch und Gedankenaustausch ins Vereinshaus. Ein erfreuliches Interesse an einem Thema, das nicht wenige ablehnen. In Merzig gibt es keine Juden mehr. Aber es gibt auch jetzt noch Kontakte zu ehemaligen Merziger Juden oder ihren Nachfahren in Israel und Amerika. Keiner von ihnen konnte an dieser Feier teilnehmen, nicht wie 1984, als mehr als fünfzig ehemalige Merziger Juden einer Einladung zum Besuch ihrer Heimatstadt gefolgt waren. Aber sie sandten Bilder und Berichte, die nun im Buch der Arbeitsgruppe dokumentiert sind, und sie warten darauf, dass dieses Zeugnis der jüdischen Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu ihnen zurück findet. Einer von ihnen ist Walter Hanau in New York. Als 6jähriger Junge hat er seine Heimat verlassen müssen. Im Jahr 2011 gibt er seinen Erinnerungen die Überschrift „I am a Merzig Boy". Da ist er 83 Jahre alt.

 

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Bildnachweise:

Wir danken dem Archiv Regler, Merzig für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe der Fotos

- Vorschaubild: Kantor Benjamin Chait bei der Gedenkandacht auf dem jüdischen Friedhof
- Porträt von Moise Isack Levy, genannt Reb Mosche Merzig
- Gedenkstein für Reb Mosche Merzig bein Gustav-Regler-Zentrum
- Gedenktafel in der Wagnerstraße in Merzig

Die Fotos
- Gedenkandacht auf dem jüdischen Friedhof
- Gedenkveranstaltung im Gustav-Regler-Zentrum
stammen von Joachim Schwarz