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Paier gegen Kälte von Florian Russi

Florian Russi:
Papier gegen Kälte

Eine packende Mischung aus Entwicklungsroman und spannendem Thriller.
 

Schülertreffen „beim Woll“ in Spichern

Schülertreffen „beim Woll“ in Spichern

Florian Russi

In dem Roman „Papier gegen Kälte" hat Florian Russi eine Begegnung von fünf ehemaligen Klassenkameraden festgehalten, die sich im Gasthaus Woll in Spichern treffen, um sich auf die Geburtstagsfeier von Oberstudienrat Braun, ihrem früheren Klassenlehrer, vorzubereiten. Bei alten Freunden der Gaststätte werden vor allem die Reminiszenzen an die „Madame Woll" und den Oberkellner Louis nostalgische Erinnerungen wecken.
Uta Plisch

 

Begegnung auf den Spicherer Höhen

Schild an der Zufahrtsstraße zur Spicherer Höhe
Schild an der Zufahrtsstraße zur Spicherer Höhe

Manfred und Michael fuhren zur Spicherer Höhe hinauf. Die Straße zog sich in einer Serpentine durch das Gelände der historischen Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen.
»Hat der Braun da mitgekämpft?«, fragte Michael.
»Mein Lieber - die Schlacht fand im Jahr 1870 statt.«
»Schon vor so langer Zeit? Geschichte war nie meine Stärke.«
»Die deutschen Truppen wurden damals von einem Mann mit französischem Namen, die französischen Soldaten von einem mit deutschem Namen befehligt.«
»Wer hat gewonnen?«
»Die Deutschen mit dem Franzosen.«
»Und der Braun war wirklich nicht dabei?«

Sie waren am Restaurant Woll, einem Lothringer Landgasthof und beliebten Treffpunkt, angekommen. Zwei ehemalige Mitschüler warteten schon auf sie. Wolfram Hardfüßer, der ehemalige Klassensprecher, war Staatsanwalt in Bonn. Alfons Lauer war als Diplomingenieur bei einer Frankfurter Firma beschäftigt und arbeitete meist im Orient. Der fünfte, der jetzt noch fehlte, war Karl-Georg Steinmetz. Er war Bundestagsabgeordneter. Als Politiker hatte er sich daran gewöhnt, zu spät zu kommen.
Es war Mittagszeit. Der Ober kam an den Tisch und empfahl das Menü des Tages. Er betonte das Wort Menü nach Lothringer Art auf der ersten Silbe und bot auch den dazu passenden Wein an: einen Elsässer Riesling.
Inzwischen stieß auch Karl-Georg zu ihnen, und sie konnten mit den Vorbereitungen für das Geburtstagskind beginnen.

Restaurant Woll in Spichern
Restaurant Woll in Spichern

Das Geschenk für den alten Braun war in diesem Jahr von Alfons besorgt worden. Es war eine in Leder gebundene Bibel aus dem Jahr 1900, dem Geburtsjahr des Lehrers.
»Hat die nicht zu viel gekostet?« fragte Wolfram.
»Ich habe sie preiswert auf einem Basar in Beirut gekauft.« Der Oberstudienrat hatte sich ausbedungen, dass das Geburtstagsgeschenk nicht über fünfzig Mark kosten dürfe, für jeden von ihnen also zehn. Anfangs durften es sogar nur fünf Mark pro Schüler sein. Dann aber hatte Braun auf Drängen der Fünf die Höchstgrenze auf acht und schließlich auf zehn Mark herauf gesetzt und den Betrag damit in bescheidenem Umfang der Inflation angepasst. Für Frau Braun hatte Manfred in einem Blumenladen einen bunten Strauß bestellt. Hierfür hatte der Lehrer keinen Höchstpreis vorgeschrieben.

»Wisst ihr, was mir passiert ist?«, fragte Manfred. »Im Urlaub habe ich einen Doppelgänger von Klaus Melchior getroffen. Erst dachte ich, er wäre es selbst. Ich habe ihn angesprochen, doch er kam aus Schottland. Weiß einer von euch, was aus Melchior geworden ist?«
Die vier anderen schüttelten den Kopf.
Karl-Georg griff sich an die Stirn, als ob er in alten Erinnerungen kramen wolle. »Den hat der Braun in den Senkel gestellt, und am Jahresende ist er dann sitzen geblieben und von der Schule abgegangen.«
»Damals war Braun sehr ungerecht«, meinte Wolfram. »Zugegeben, Melchior hat oft seine Hausaufgaben nicht gemacht, und eigenbrötlerisch war er auch. Doch einem Jungen in diesem Alter zu sagen, dass er einmal in der Gosse landen werde, war schon sehr hart. Ich habe den Braun nie verstehen können, bis heute nicht. Streng war er ja immer, aber den Melchior muss er gehasst haben. Es würde mich sehr interessieren, was Klaus heute macht.«
Manfred bekräftigte ebenfalls sein Interesse an Melchior. »Der Braun wird allerdings gleich fragen, was aus uns inzwischen geworden ist.« 

Sitzecke im Gastahus Woll
Sitzecke im Gastahus Woll
»Bürgerliche Spießer«, warf Michael ein. »Wenn ich daran denke, welche Pläne wir einmal an diesem Ort ausgeheckt hatten. Erinnert ihr euch? Keiner von euch wollte heiraten, bevor wir nicht eine gemeinsame Weltreise gemacht hätten. Karl-Georg hat als erster sein Wort nicht gehalten. Fünf Kinder hat er inzwischen! Der zieht sich seine eigene politische Jugendorganisation groß. Und seine Frau hat ordentlich zu tun und kommt nicht auf dumme Gedanken. So steht der Karriere nichts im Wege. Karl-Georg, du wirst mindestens Familienminister.«
»Und wie ist das mit dir, Michael?«, flachste Wolfram. »Dreimal bin ich dir in den letzten Jahren zufällig begegnet. Beim ersten Mal warst du in Begleitung einer schlanken Rothaarigen, beim zweiten Mal hattest du eine füllige Brünette bei dir und beim dritten Mal einen blonden Jüngling. Mit wem treibst du es denn wirklich?«
»Mit dem Fotoapparat, mein lieber Wolfram, aber das verrate ich nur dir, weil du ein so guter Freund bist«, flüsterte Michael ihm ins Ohr. »Mein wichtigstes Organ ist das Auge«, fuhr er dann laut fort. »Ich muss es hüten und pflegen. Das Stück, über das Wolfram spekuliert, kommt erst an zweiter Stelle. Auch darauf gebe ich Acht. Ich gehöre zu den Leuten, die sich die Hände zweimal waschen, wenn sie ein Pissoir aufsuchen: vorher und nachher, so wie es sein muss.«
Eine ältere Dame kam zu ihnen an den Tisch und gab jedem die Hand. Es war die Seniorchefin des Hauses. »Na, ihr Buben, haltet ihr eine Konferenz ab?«, fragte sie. Dann drapierte sie den Schal über ihrer Schulter neu und begann, das französische Lied »Trois jeunes tambours« zu singen. Der jüngste Tambour hält eine Rose im Mund und hätte sie gerne gegen das Herz der Königstochter eingetauscht. Doch als der König sich nur an Macht und Reichtum interessiert zeigt, verzichtet der junge Mann auf die Liebe der Prinzessin.
Der freundliche Gesang gehörte zur Folklore der gastlichen Stätte, ebenso wie die Form, in der später die Rechnung ausgestellt wurde. Louis, der Kellner, addierte die einzelnen Positionen mit weichem Bleistift auf der weißen Papiertischdecke, die er, nachdem jeder gezahlt hatte, zusammenknüllte, um sie für die nachfolgenden Gäste durch eine saubere neue zu ersetzen.

 

*****

Text: Auszug aus dem Roman "Papier gegen Kälte" von Florian Russi. Bertuch Verlag 2008.

Fotos: Florian Russi