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Goethe hat ihn bewundert

Goethes Begegnungen mit Felix Mendelssohn Bartholdy.

Horst Nalewski

Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt anhand fünf ausgewählter Beispiele von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler. Eine CD mit den Musikstücken liegt diesem Büchlein bei.

Pommes in Saarlouis

Es kommt vor, dass mich nach einer Einkaufssafari in Saarlouis vor der Heimfahrt auf den Gau ein jäher (im örtlichen Dialekt: ein gälinger) Hunger überfällt und ich mir an einem Stand auf dem großen Markt eine Rostwurst kaufe. Steht bei solcher Gelegenheit ein junger Mann neben mir und verlangt eine Portion Pommes mit Majo. „Pommes", sagt er und spricht die letzten beiden Buchstaben, das E und das S mit, und das auf dem großen Markt in Saarlouis. Ja wo sind wir denn hier? St. Ludwig, Vauban und der Marschall Ney würden sich im Grab umdrehen, wenn sie es hören könnten, aber sie haben ihre letzte Ruhe nicht in Saarlouis gefunden. Zudem kannten die beiden ersten noch keine Kartoffeln. Aber der tapfere Ney wird auf seinem Ritt nach Moskau an preußischen und polnischen Kartoffeläckern vorbeigekommen sein. Ob die vor 200 Jahren in Königsberg Olivenöl hatten, um darin rohe Kartoffelstäbchen goldgelb zu backen?

Beenden wir die kulturhistorische Abschweifung. Der alte Saarländer erinnert sich: Als nach dem Krieg im Herbst 45 die Schule wieder begann, wurde Französisch als erste Fremdsprache eingeführt. Bei der Familie Dupont im Lehrbuch von Louis Marchand, an deren Beispiel uns französische Lebensart nahe gebracht wurde, kamen neben anderen Köstlichkeiten, die nur diejenigen kannten, die sich an Vorkriegszeiten erinnern konnten, natürlich Pommes frites auf den Tisch. Wir lernten: La pomme heißt der Apfel, la terre die Erde, les pommes de terre sind die Erdäpfel, die Kartoffeln. Werden sie in Öl gebacken (backen = frire, frit), heißen sie ausführlich les pommes de terre frites. Das ist zu lang, also pommes frites oder noch kürzer ganz einfach frites.

Als sich ab Dezember 1947 die Verhältnisse zu bessern begannen, fand das Gericht Eingang in den Speiseplan der saarländischen Familien. Man benutzte einen hochwandigen Eisentopf mit Siebeinsatz, auf saarländisch die Friddepann. In den 50er Jahren konnten sich die ersten ein Auto leisten. Bald fuhren dann mehr und mehr Renault, Simca und Peugeot (Pöscho sagten wir mit Ton auf der ersten Silbe) über saarländische Straßen, alle mit den beiden Buchstaben O und E auf dem Nummernschild. Nach unserer Überzeugung bedeutete das „Oase Européenne". Kam die Zeit der ersten Ferienreisen. Die Saarländer zog es nach Süden auf die Campingplätze am Mittelmeer.

Kleines Zwiegespräch unter Nachbarn:
„Aisch han gehort, dir fahren in Ferien."
„Ei jo, ma hannet vor."
„Wohin sollet dann gehn?"
„And Mittelmeer, no Cap d'Agde."
„Do nunna, do fahrenda die Friddeschtroß. Do brauchenda naischt for unnawäs mitsehollen."

Die Fritenstraße, das war nach saarländischem Verständnis die Nationalstraße über Nancy, Langres, Dijon, Lyon an die französische Mittelmeerküste, weil im Abstand weniger Kilometer an einem kleinen Parkplatz am Waldrand ein Imbissstand zu einem Halt einlud, eben eine Fritenbude.

Mit so viel Pommes-frites-Erinnerungen im Kopf muss man sich dann heutzutage anhören, dass einer auf dem großen Markt in Saarlouis eine Portion Pommes mit Majo verlangt und das E und das S mitspricht. Ja wo simma dann? Die Welt hat sich um 180° gedreht.

 

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Vorschaubild: Rita Dadder