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Goethe hat ihn bewundert

Goethes Begegnungen mit Felix Mendelssohn Bartholdy.

Horst Nalewski

Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt anhand fünf ausgewählter Beispiele von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler. Eine CD mit den Musikstücken liegt diesem Büchlein bei.

Dreimal Dreikönigskuchen

Dreimal Dreikönigskuchen

Hans Herkes

oder

Schrittweise Annäherung einiger Saarländer an einen französischen Brauch

Zwiegespräch zu Hause in Perl
Meine Frau: Weißt du noch, wir fahren zu den Kindern und essen heute Abend bei ihnen. (die Kinder, das sind Tochter und Schwiegersohn in Wadgassen)
Ich: Es ist Drei-König-Tag, sollen wir eine Galette mitnehmen?
Sie: Gute Idee, warum bist du nicht eher drauf gekommen?
Ich: Meinst du, es sei zu spät? In Sierck bekomme ich gewiss noch eine, da gibt es drei Bäckereien.
Sie: Zu viel Aufwand, jetzt noch nach Lothringen zu fahren. Wenn sie in Sierck ausverkauft sind, fährst du am Ende noch nach Thionville.
Ich: Und woher willst du die Galette nehmen?
Sie: Die Italienerin hat meine Hose fertig. Wir müssen also über Saarlouis fahren. Dann kaufen wir die Galette dort.
Ich: Und du bist sicher, dass wir eine bekommen?
Sie: Im Kaufhaus P. gibt es viele französische Lebensmittel. Die werden doch Galettes haben. Ich rufe an.

Diesmal hatte meine Frau nur halb recht, wie sich zeigen wird. In besagtem Kaufhaus wurde sie von Pontius zu Pilatus weiter verbunden, bis eine Verkäuferin ihr zusicherte, es sei noch eine halbe Galette da, sie lege sie zurück.
Eine halbe Galette! Wenn das Püppchen in der anderen Hälfte war, würden wir keinen König und keinen Spaß haben. Die Krone wird der Käufer der anderen Hälfte auch mitgenommen haben. Wir wollten es darauf ankommen lassen. Um das Ende vorwegzunehmen: kein Püppchen, keine Krone, kein König, aber eine schöne Geschichte. Die geht jetzt erst richtig an.

Am Nachmittag in Saarlouis teilten wir uns. Während meine Frau von der sizilianischen Inhaberin der Änderungsschneiderei in der Bibelstraße verhört wurde, ob sie katholisch und heute in der Kirche gewesen sei - in Italien sei der Drei-König-Tag ein hoher Feiertag, an dem man die Kirche besuche - ging ich zu P., um die halbe Galette abzuholen.

Die Verkäuferin an der Kuchentheke im Erdgeschoss wusste von nichts. So etwas hätten sie nicht, es habe auch niemand bei ihr angerufen. Aber an der Brottheke im Tiefgeschoss sei ein französischer Bäcker beschäftigt, fiel ihr ein, vielleicht wisse der etwas. Den beiden Verkäuferinnen beim Brot war weder etwas von einem Anruf noch von einer zurückgelegten halben Galette bekannt. Der Franzose hatte gerade Kunden in der Weinabteilung. Ich erledigte die anderen Punkte meiner Einkaufsliste und kam zurück an die Brottheke. Nun war auch der weinverkaufende lothringische Bäcker da. Er wusste natürlich, was eine Galette ist, war aber erstaunt, dass einer in Saarlouis (der Stadt mit dem französischen Flair) danach fragte.
Schließlich stellte sich heraus: Der Franzose hatte aus Lothringen für seine Kolleginnen Galettes mitgebracht. Jede bekam eine halbe. Die Verkäuferin, mit der meine Frau telefoniert hatte, gehörte anscheinend nicht dazu und wusste folglich nichts davon, hatte aber den halben Kuchen im Regal gesehen und in eine Tüte getan, um ihn für die Kundin, die angerufen hatte, zu reservieren. So müsste es gewesen sein. Diese Verkäuferin war allerdings nicht mehr da, sie hatte Feierabend. An ihrer Stelle war eine andere, und für sie war die halbe Galette reserviert. Sie sagte: „Die kann ich Ihnen nicht verkaufen, die ist nicht im Sortiment, also ist auch kein Preis im Computer, aber ich schenke sie Ihnen. Ich werde anregen, dass wir in den nächsten Jahren für Dreikönig solche Kuchen ins Sortiment nehmen." Ich wollte der freundlichen Verkäuferin nicht ihre Galette wegnehmen, dachte aber an unser Vorhaben und nahm das Geschenk an. Jetzt erst stach mir die goldglänzende Papierkrone in die Augen, die unter der Glastheke lag, aber darum wollte ich nicht auch noch bitten. Ohnehin hatte die großzügige Verkäuferin eine Krone verdient.
Das war nicht die erste Geschichte, die mir mit einer Galette passiert ist, sondern die dritte. Die erste trug sich am Drei-Königs-Tag 1953 in Paris zu, und ich empfand sie damals nicht als lustig. Seit Oktober hatte ich eine Stelle als Sprachassistent in der Ecole Normale d'Auteuil im 16. Arrondissement. Ich wohnte und nahm die Mahlzeiten in der Schule ein. Am Morgen des 6. Januar saßen wir im Speisesaal am Frühstückstisch: zwei Sekretärinnen, die jüngere von beiden arbeitete schon lange in dieser Schule, die ältere hatte erst vor wenigen Wochen angefangen, neben der jüngeren sah sie etwas unvorteilhaft aus; dann die drei maîtres adjoints Saindon, Carré und Kneib, die an der Sorbonne studierten und in dieser Schule die Schüler während ihrer Studienzeit beaufsichtigten; schließlich die beiden Englischassistenten und ich. Neben den üblichen Baguettes gab es diesmal einen flachen, mit Zucker bestreuten Kuchen, eben eine Galette. Weder kannte ich den Namen, noch wusste ich, was es damit auf sich hatte. Die anderen machten kein Aufhebens davon. Eine der Sekretärinnen schnitt den Kuchen in so viele Stücke, wie es Tischgenossen gab, und verteilte sie. Das Frühstück verlief wie sonst, nur dass ich beim Essen meines Kuchenstücks auf einen harten Gegenstand biss, den ich diskret neben meinen Teller legte. Er war von der Größe einer Bohne. Die anderen aßen an diesem Morgen langsamer, aus Vorsicht, aber das wusste ich nicht. Da entdeckte Kneib die Bohne neben meinem Teller, zeigte sie den anderen und rief: „Herkes est le roi, Herkes est le roi!" und alle klatschten Beifall. Ich verstand nichts und muss ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben, verlegen wie ich war. Kneib klärte mich auf über den Brauch am Tag der heiligen drei Könige: In einen Kuchen - die Galette - wird eine Bohne (une fève) hineingebacken. Wer sie in seinem Stück findet, ist König der Tischrunde. Mir wurde eine Papierkrone aufgesetzt, alle applaudierten wieder. So war ich in der Hauptstadt der République Francaise zum König avanciert und nicht wenig verlegen. Das war aber erst der Anfang meiner Bedrängnis. Als ich keine Anstalten machte, mich als König zu betätigen, nahm Kneib die Regierungsgeschäfte in die Hand und erklärte, ich müsse eine der beiden anwesenden Damen zu meiner Königin machen, indem ich sie küsse. Das glaubte ich ihm nicht, verdächtigte ihn vielmehr, er wolle meine Unwissenheit ausnutzen. Zwar wurde er von den anderen unterstützt und bestätigt, aber ich traute der Sache nicht. Für diesmal gab es keine Königin, und der König legte aus lauter Verlegenheit die Krone nieder.
Damit wäre die Geschichte zu Ende, wenn nicht zwei Damen am Tisch gewesen wären, von denen nur eine hätte Königin werden können. Die Frage, welcher ich den Vorzug gegeben hätte, war nicht entschieden. Aber das durchschaute ich an jenem Morgen am Frühstückstisch nicht, viel zu sehr war ich mit meiner Schüchternheit beschäftigt. Unter einem Vorwand verließ die ältere Sekretärin die Tischrunde früher als sonst. Später verstand ich, dass sie mir damit hatte aus der Verlegenheit helfen wollen. Während ihrer Abwesenheit wurde heftig diskutiert, schließlich war man sich einig, dass ich sie hätte wählen müssen, sie war die Ältere, noch nicht lang in dieser Schule und -. Aber der König hatte abgedankt. Beim Abendessen kam die Rede wieder auf das Ereignis. Jemand sagte, dass ich eine Chance vertan habe und so schnell nicht wieder Gelegenheit bekäme, mir eine Königin zu wählen. Nun wusste jeder am Tisch, auch wer nicht bis zum Ende geblieben war, wie wenig ich mich beim Frühstück als König bewährt hatte. Huschte da etwa ein Lächeln über das Gesicht der einen Dame?
Auch die Galette-Geschichte Nummer zwei spielte sich in Paris ab, doch wenigstens zwanzig Jahre später, diesmal in aller Form, wie es sich gehört. Unsere Tochter Angela verbrachte die Weihnachtsferien bei ihrer Brieffreundin Pascale. Die Familie wohnte im VII. Arrondissement nahe der Kirche Sainte- Chlothilde. Mit unserer jüngsten Tochter Susanne und unseren Freunden Richard und Senta waren wir in der ersten Januarwoche für ein paar Tage nach Paris gefahren. In einem Hotel an der Porte d'Auteuil hatten wir unsere Zimmer, nicht weit von meiner ehemaligen Schule. Pascales Eltern luden uns zum Abendessen ein. Wir waren gespannt, was uns da erwarten würde, natürlich wollten wir uns keine Blöße geben. Mir fiel das Erlebnis vom Drei-König-Tag 1953 ein. Ich erzählte es den anderen, damit sie wüssten, was auf sie zukommen könnte. Meine Frau wusste eine Mahnung beizusteuern: Am Tisch darf man sich nicht vor der Hausfrau setzen. Der Empfang verlief, wie es die Form vorschrieb. Es gab eine kurze Unterhaltung im Salon, dann wurde zu Tisch gebeten. Eingedenk der vorausgegangenen Belehrung stellten sich alle am angewiesenen Platz hinter den Stuhl. Alle außer einer, die sich sofort setzte, ihren Fehler erkannte, aufsprang und hinter dem Stuhl Aufstellung nahm. Die Saarländer lächelten, die Franzosen sahen über den Fauxpas hinweg.
Vom Abendessen weiß ich nur noch, dass es Rinder- und Schweinebraten gab, in Scheiben geschnitten und abwechselnd auf der Platte angeordnet. Danach kam, wie erwartet, eine Galette auf den Tisch und der große Auftritt meiner Frau. Der Hausherr schnitt den Kuchen in elf Stücke, so viele, wie Personen am Tisch waren. Es folgte eine perfekt einstudierte Zeremonie. Der jüngste der beiden Söhne verschwand hinter der Zimmertüre und hielt sich zudem die Augen mit beiden Händen zu, das wurde überprüft. Nun fragte Monsieur mit lauter Stimme: „Pour qui est le premier morceau?" Antwort von hinter der Türe: „Le premier morceau est pour Madame Herkes."   Neue Frage:  „Pour qui est le deuxième morceau?"  Antwort:  „Le deuxième morceau est pour -." Die Reihenfolge, die die Höflichkeit gebot, wurde aufs genaueste eingehalten. Der Junge hatte seine Lektion gelernt. Als die elf Stücke der Galette verteilt waren, machten sich alle an den Verzehr - und auf die Suche nach dem Püppchen, das in einem der Stücke verborgen sein musste. Und - welch ein Zufall - es fand sich in dem meiner Frau. Die Königin wurde gekrönt, großer Applaus. Sie stand auf, dankte ihren Untertanen, trat zu Monsieur hin, der sich augenblicklich erhob, und sagte: „Monsieur, je vous prie, soyez mon roi!" setzte ihm die Krone auf und küsste ihn auf beide Wangen. Beifall auch für den König.
Das war der Höhepunkt des Abends. Es folgte eine gemütliche Plauderstunde, bis wir zu unserem Hotel an der Porte d'Auteuil zurückfuhren.