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Weihnachten bei Familie Luther

Christoph Werner

Luthers jüngster Sohn erzählt vom Christfest

Paul Luther, der jüngste Spross der Lutherfamilie, gewährt dem Leser Einblick in sein Leben und das seiner Familie.
Er berichtet von seiner Kindheit in Wittenberg und der Krankheit seines Vaters, von seiner Verwicklung, die ihm als Leibarzt widerfuhren, und von den Intrigen am Gothaer Hof. Reichlich illustriert öffnen sie dem Leser die Tür zur Weihnachtsstube der Familie Luther.

Hüben und Drüben

Es dauerte Jahre, bis die aufgepeitschten Wogen des Kriegsgeschehens zu verebben begannen und das alltägliche Leben hüben und drüben in normalen Bahnen verlief. Die von hüben gewöhnten sich allmählich an die näher herangezogene Grenze, und die von drüben hatten sich damit abgefunden, ihre Nationalität gewechselt zu haben.

Der Hanne von Berus hatte als Erbteil seiner Frau Helene von Montingen, drüben im Lothringischen, nahe der Grenze, Land liegen, das er darum bebauen und bewirtschaften mußte, weil sein Betrieb danach eingestellt war. Er konnte dort säen und ernten, freilich mußte er für den Grenzübertritt einen Passierschein vorweisen. - „Wir müssen einen Paß haben, um mähen zu dürfen", scherzte der Hanne.

Wenn die Bezeichnung „hüben" und „drüben"
- seit mehr als fünfzig Jahren gebraucht - zur Unterscheidung zwischen Lothringern und denen vom Saargau angewendet wurden und im Laufe der Zeit zu einer bloßen Redensart abgesunken waren, so bekamen sie nun tatsächlich formelle Bedeutung.

Als der Hanne von Berus mit seinem Ältesten zur Kleemahd nach drüben ging, lieh er sich beim Schwager Schang in Montingen sowohl Mähmaschine als auch Gespann und saß zu den Mahlzeiten bei seiner Schwester Oranna am Tisch, weil man den weiten Weg nur einmal am Tag machen wollte.

„Aha! Da kommen die ‚dreckigen Preußen‘?", scherzte der Onkel Schang und reichte seinem Neffen die Hand. - „Und wie geht‘s drüben?" fragte er und begrüßte seinen Schwager Hanne herzlich.

Und ebenso herzlich wurde die Begrüßung an die „Lothringer Dickköpp" zurückgegeben und keineswegs diese Ausdrücke als Beleidigung empfunden, denn es fehlte ihnen der Giftstachel der bösen Absicht. Es lag in ihrem Gebrauch vielleicht auch eine Verspottung der Politik der Großen, die mit unnatürlich gezogenen Grenzen und zufälliger Nationalitätszugehörigkeit einen Gegensatz auch zwischen den nächsten Blutsverwandten schufen. - Zu diesem Gegensatz kam es in der Tat.

Zwar wären die Männer, die den vergangenen Krieg am eigenen Leib verspürt hatten und nach seinem Ende sich jahrelang noch abmühen mußten, seine Schäden an ihrem Eigentum zu flicken, bereit gewesen, zu leben und leben zu lassen.

„Die Politik machen die Großen!" hatte der Adam Schmitt vor fünfzig Jahren schon gesagt, und diese Großen waren weder Lothringer noch Saargauer Bauern, sondern sie saßen als Sieger in Paris oder als Besiegte in Berlin.

Ein Sieg bringt immer stolze Genugtuung, und mit der Größe des Sieges wächst der Stolz und leicht wird daraus der Hochmut. Und weil jedes Volk und jedes Land auch eine Tradition hat, sind die Großen auch dieser Tradition verpflichtet, denn ein Abweichen von ihr setzt eine völlige Umformung des völkischen Denkens voraus.

Diese Voraussetzung aber war um diese Zeit nicht gegeben, denn es war noch nicht lange her, daß man sich als erbitterter Gegner gegenüber stand, jeder bereit, den andern zu vernichten, und die beiden Volkskörper waren nur bis zur Erschöpfung, aber nicht bis zur Ohnmacht ausgeblutet.

Die Tradition aber ist nahe verwandt mit der Religion und findet, wie diese, immer Eiferer, die bereit sind, in ihrem Dienste zu handeln.

Um seine Ostgrenze gegen eine eventuell nochmalige Gefahr für alle Zukunft zu schützen, bauten die Franzosen einen Festungsgürtel aus Stahl und Beton und haben Milliarden Franken auf dem etliche hundert Kilometer langen Grenzstreifen in die Erde geschüttet und ihre jungen Männer zum Wehrdienst jahrein, jahraus einberufen. Die Bauern wunderten sich und vermeinten, das viele Geld könne anderweitig und viel nützlicher angelegt werden. - Aber: Die Politik machen die Großen!

Mehr als zehn friedliche Jahre waren vergangen, und es schien, viel nützlicher als zu Friedenszwecken könne keine noch so große Summe Geld ausgegeben werden, und man hatte sich mit dem Wall abgefunden - und die Söhne vom Beruser Hanne und die vom Karlshof und die vom Sandhöfer und von der Weihermühle und dem Weiherhof - die dritte Generation schon - waren zu Jungbauern herangewachsen und pflügten mit vier Pferden vor einem Pflug ihren schweren Boden, und der Weizen, den sie säten, wuchs wie eh und je, und alle Mühlen hüben und drüben mahlten weißes Mehl.

Da regten sich auch die Großen in Berlin und erkannten plötzlich die Maginotlinie als eine Gefahr für das Land und bauten ihrerseits hüben einen Grenzwall und zogen ihre jungen Männer zum Wehrdienst ein - und nun war die Verwunderung ob der Geldverschwendung nicht mehr so groß, denn man anerkannte diesen Wall aus Beton und Stahl als notwendigen Schutz gegen den von drüben.

Und also standen sich beide Bunkerfelder gegenüber und schienen für Zeit und Ewigkeit gebaut, sie standen in granitener Härte schweigend und drohend einander gegenüber und waren Zeugen des Wirkens der Eiferer von hüben und drüben.

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entnommen aus dem Buch "HÜBEN und DRÜBEN", Peter Gehl, 1969 - herausgegeben im Selbstverlag des Verfassers