Saarland Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.saarland-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Die Liebe in Mythen und Sagen

Florian Russi

Broschüre, 24 Seiten
EUR 2,00

Liebesglück und Liebesleid beschäftigen die Menschen seit Jahrhunderten. Ihren Ausdruck fanden sie in zahlreichen Mythen und Legenden, vom frühen Altertum bis in die frühe Neuzeit.

Das Gänsegretel von Fechingen

Das Gänsegretel von Fechingen

Uta Plisch

My Fair Lady in der Grafschaft Nassau-Saarbrücken
oder wie Katharina Kest zur Gräfin avancierte

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert


Dies ist die Geschichte der Reichsgräfin Catharina von Ottweiler, Herzogin von Dillingen und zweite Gemahlin des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. 

Katharina Kest wurde am 1. März 1757 in Fechingen als Leibeigene geboren. Ihr Vater war Bauer und Katharinas Aufgabe war es, die Gänse auf dem Hof zu hüten. Als der Ernährer der Familie starb und seine Familie in schlechten Verhältnissen zurückließ, sah Katharinas Mutter als einzigen Ausweg aus der bedrückenden Armut den Umzug in die Hauptstadt Saarbrücken, wo sie sich bessere Lebensbedingungen für sich und ihre Tochter erhoffte.

Freifrau Frederike Amalie von Dorsberg war zu jener Zeit die offizielle Maitresse des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. Sie hatte zwei uneheliche Kinder mit ihm. Freifrau von Dorsberg stellte Katharina als Kindermädchen und Kammerzofe ein. Bei ihr sah der Fürst Katharina zum ersten Mal. Sie muss ihm ausnehmend gut gefallen haben, denn er erteilte seiner Geliebten den Auftrag, das junge Mädchen in Metz zu einer perfekten Dame ausbilden zu lassen.

Nach zwei Jahren kehrte Katharina, inzwischen 16 Jahre alt, aus Metz zurück. Der Fürst sah sie, als sie bei Freifrau von Dorsberg den Tisch deckte, und, einem Impuls folgend, küsste er sie. Darüber war die Gastgeberin erbost und ohrfeigte Katarina im Nebenzimmer. Diese beschwerte sich umgehend beim Fürsten. Schon am nächsten Tag erhielt Freifrau von Dorsberg einen Brief vom Fürsten, in welchem er sie vom Hof verbannte.

Soll man Katharina dafür verdammen, dass sie die Gelegenheit wahrnahm, die Geliebte des Fürsten zu werden? In ihrer Lage war es die Erfüllung all dessen, was sie jemals für sich hoffte erreichen zu können.

Am 1. September 1774 ging Fürst Ludwig mit ihr eine Ehe zur linken Hand ein. Somit war sie die offizielle Mätresse mit dem Titel einer Freifrau von Ludwigsberg und eine einflussreiche Frau am Hofe des Fürsten. Aus dieser Verbindung gingen sechs Kinder hervor. Nur gegen den heftigen Widerstand der Geistlichkeit gelang es Katharina, sie ins Kirchenbuch eintragen zu lassen. Interessant ist es für uns heute zu sehen, wie schlecht damals die Chancen der Kinder standen, alt zu werden. Ludwig Albrecht wurde 9 Jahre alt, Ludwig Carl 23 Jahre, Heinrich 2 Jahre, Ludwig 11 Jahre und Tochter Katharina 32 Jahre. Nur Luise erreichte 67 Jahre.

Der Fürst war zwar verheiratet mit Wilhelmine von Schwarzburg-Rudolstadt, doch die Ehe galt nicht als glücklich. Die Fürstin lebte schon lange getrennt von ihm und dem Hof auf Schloss Halberg und zog dort ihren gemeinsamen Sohn Heinrich groß.

Der Fürst liebte seine Katharina, und sie liebte ihn. Davon geben Dutzende Briefe, sicher in den Archiven verwahrt, und zahlreiche Erzählungen von Zeitgenossen Zeugnis. Jedoch vor allem bei der Geistlichkeit stieß diese Verbindung auf großen Widerstand. Die Fürstin lebte ja noch und war äußerst beliebt beim Volk. Thomas Baltasar Rollé, fürstlicher Hofprediger, berichtete von einem typischen Vorfall. Katharina besuchte die Schlosskirche an einem Sonntag und setzte sich in den Kirchenstuhl der Fürstin. Rollé war empört und rief ihr zu: „Hure, weiche deiner Fürstin!" Katharina eilte sofort zum Fürsten und forderte Rache. Der befahl den Pastor zu sich und legte seine Waffen bereit, um ihn zu erschießen. Die Freunde baten Rollé händeringend, der Aufforderung nicht nachzukommen und erst einmal abzuwarten, bis der schlimmste Zorn verraucht wäre. Aber der ging zu seinem Fürsten mit der Bibel unterm Arm: „Ich bin gerufen, ich werde gehen". Vor dem Fürsten öffnete er die Bibel mit den Worten: „Hier steht es geschrieben, Teufel kratz es aus!" Ludwig imponierte diese Haltung. Er ließ die Waffen unberührt und lud den Prediger an seine Tafel.

1780 starb Wilhelmine von Schwarzburg-Rudolstadt. Am 28. Februar 1787 heiratete der Fürst Katharina, wenige Tage später wurde sie zur Fürstin von Nassau-Saarbrücken ausgerufen.

Fürst Ludwig bemühte sich sehr um die offizielle Anerkennung seiner Frau und um ihre finanzielle Sicherstellung. 1783 war es ihm gelungen, dass Kaiser Franz Joseph II. die ehemalige Leibeigene in den Stand einer Reichsgräfin von Ottweiler erhob. Dies bedeutete einen wichtigen Erfolg, denn über Jahrhunderte hinweg war die Grafschaft Ottweiler eine eigenständige Nassauische Regentschaft. Die fürstlichen Vettern aus dem Hause Nassau mussten ihre Zustimmung zur Ernennung von Katharina erteilen. Das taten sie aber nur unter der Voraussetzung, dass die Kinder Katharinas nicht nachfolgeberechtigt wären und sie auch keine Nassauischen Titel und Wappen führen dürften.

Der Fürst kannte seine Vettern. Er kaufte die französische Herrschaft Dillingen. König Ludwig XVI., an dessen Hof sich der Fürst oft aufhielt, verlieh ihm und Katharina den erblichen Titel von Herzögen und Herzoginnen von Dillingen. Dieser Titel war so hochrangig, dass er auch von den Nassauern anerkannt werden musste.

Am 3. Juli 1789 kam das siebte und einzig eheliche Kind der beiden zur Welt, Adolf. Geboren wurde er in Dillingen, um die Ansprüche auf den Herzogstitel aufrechtzuerhalten.

1793 erreichte die Französische Revolution das Saarland, und mit ihr kamen die Revolutionstruppen. Die fürstliche Familie floh zunächst nach Mannheim und dann nach Aschaffenburg, wo der Fürst 1794 starb. Katharina kehrte nach Mannheim zurück und kämpfte um ihre Anerkennung. Heinrich, der Sohn des Fürsten aus erster Ehe, starb, und sie setzte sich mit allen Kräften  für ihren Sohn Adolf als rechtmäßigen Nachfolger des Fürsten Ludwig ein.

 Adolf wurde 1812 in den napoleonischen Kriegen mit Russland verwundet und als vermisst gemeldet. Bis zum Lebensende hoffte Katharina vergeblich auf die Rückkehr ihres Sohnes. Am 11. Dezember 1829 starb sie in Mannheim, ohne ihren Sohn je wiedergesehen zu haben.

Bis in die heutige Zeit wird das Andenken der Gräfin in Ottweiler gepflegt und als touristische Attraktion vermarktet.

 

-----

Literatur:
Doris Seck: Die Gräfin von Ottweiler: Das bewegte Leben der Katharina Kest. SDV Saarländische Druckerei und Verlag, 1996.