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Der Bettnässer

Russi thematisiert in seinem neuen, einfühlsamen Roman die gesellschaftlichen und psychischen Probleme eines Jungen, dessen Leben von Unsicherheit und Angst geprägt ist.

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Hubert Rohde

„Darin war er wahrlich Meister"

Als Hubert Rohde kurz vor Ende des 2. Weltkriegs 17 Jahre alt geworden war, wollte ihm der Postbote den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht überbringen. Doch er stand vor einer Ruine. Am Tag zuvor war Rohdes Elternhaus in Hildesheim von britischen Flugzeugen bombardiert worden und die Mutter mit ihren jüngsten Kindern zu einem geistlichen Verwandten in dessen Pfarrhaus geflüchtet.

Ich weiß nicht, ob es Vorkommnisse dieser Art waren, die einen ehemaligen Kollegen Rohdes dazu veranlassten, ihn in einem Geburtstagsgedicht als „im ganzen Glücksverwöhnten" zu bezeichnen. Zu Recht jedenfalls nannte er ihn einen „Herrn von Scheitel bis zur Sohle" und reimte: „Darin (in der Pädagogik) war er wahrlich Meister. Denn es war bewusstes Können, und so bannte er die Geister, die vernarrt ins Irre rennen."

Im Jahr 1962 kam er aus Paderborn, wo er Assistent an der dortigen Pädagogischen Hochschule gewesen war, ins Saarland und wurde Dozent an der Peter-Wust-Hochschule  in Saarbrücken. Seine Eltern waren bald nach Ende des 2. Weltkriegs verstorben. In der Überzeugung, dass Bildung eines der wichtigsten menschlichen Güter sei, entschied sich Hubert Rohde, das ihm zugefallene Erbe für ein breit angelegtes Studium einzusetzen. In Frankfurt/Main, München, Innsbruck, Salzburg und Dublin studierte er Kunstgeschichte, Philosophie, Theologie, Pädagogik und Archäologie. 1953 promovierte er zum Dr. phil.

Auf eine solch umfangreiche Ausbildung gründend hatte er sich später gleichzeitig als Dozent für mehrere Fachgebiete an verschiedenen Hochschulen beworben. Am Saarland reizte ihn vor allem dessen jüngere Geschichte und die Nähe zu Frankreich. So gab er nicht Stuttgart, sondern Saarbrücken den Zuschlag. In kurzer Zeitfolge wurde er dort Dozent, Professor und schließlich zum Rektor der Pädagogischen Hochschule gewählt.

Als Studenten waren wir fakultätsübergreifend einmal in Semester bei ihm zu Hause eingeladen. Meistens gab es Bier und Salzbretzel und es dauerte immer geraume Zeit, bis wir unsere Schüchternheiten überwunden hatten. Wenn er uns sehr förmlich begrüßte, an seiner umfangreichen Bibliothek und seinen Kunstsammlungen vorbei zu unseren Sitzgelegenheiten führte, wirkte er wie ein Hoher Priester der Kultur. Wenn er dann zu erzählen begann, unsere vielen Fragen beantwortete und auf jeden von uns persönlich einging, schwanden bald unsere Gehemmtheiten. Nach mehreren Krügen Bier wurde dann auch geplaudert, gesungen und vor allem gelacht. Niemand wollte an solch einem Abend fehlen. Die gelebte Kultur im Hause Rohde, zu der auch seine Frau Karin nicht unwesentlich beitrug, ist allen Teilnehmern dieser Runden in lebhafter Erinnerung.

Was man von Professor Rohde lernen konnte, war eine unvoreingenommene und komplexe Betrachtungsweise von geistigen und gesellschaftlichen Problemen. Immer wieder nahm er Bezug auf geschichtliche Ereignisse, er war durch und durch Humanist, um Verständnis bemüht und tolerant, ohne seine eigenen Überzeugungen zu leugnen. Nie war er verletzend. Wenn ihn jemand in plumper Art ansprach, antwortete er mit subtilem Humor. Er hat oft recht behalten, wenn er sich gegen Übereifrige, Angstmacher, Pessimisten oder Modernisten wandte. Immer blieb er situationsbewusst, interessiert, neugierig, aufgeschlossen und zugleich souverän auf seinen Bildungsfundus zurückgreifend.

1969 trat der CDU-Ortsverband Lautzkirchen an ihn heran, um ihn als Landtagskandidaten im damaligen Kreis St. Ingbert vorzuschlagen. Ich hatte kurz zuvor das Buch gelesen „Wie man Minister macht" und trug ihm daraus vor. Er ließ sich von mir und anderen beraten und blieb sich zugleich in seiner Selbstdarstellung treu. Im Laufe des über 12 Monate geführten Wahlkampfs errang er eine erstaunliche Popularität und am Ende ein herausragendes Wahlergebnis. Er wurde später Landtagsvizepräsident, legte dann 1977 sein Mandat nieder, nachdem er zum Intendanten des Saarländischen Rundfunks gewählt worden war. Die „Saarlandwelle", heute der im Land beliebteste Hörfunk, ist seine Schöpfung.

Dem Saarland, das ihn 1962 gastfreundlich aufgenommen hatte, hat er treu gedient. Von 1964 bis 1970 war er ehrenamtlich Bürgermeister seiner Wohngemeinde Heckendalheim, viele Jahre Vorsitzender des Deutsch-Amerikanischen Instituts in Saarbrücken, Vorsitzender der Multiple-Sklerose-Gesellschaft des Saarlandes, Gründungspräsident der Gesellschaft zur Förderung des Saarländischen Kulturbesitzes und Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Peter-Wust-Gesellschaft, die das Andenken an den aus dem Saarland stammenden Philosophen pflegt. Für seine Verdienste um die deutsch-französische Verständigung wurde ihm vom französischen Staatspräsidenten das Kreuz der französischen Ehrenlegion verliehen.

Ende Februar 2009 konnte Hubert Rohde in großer Runde seinen 80. Geburtstag feiern. Unter den Gratulanten waren seine 17 Enkelkinder und viele Mitglieder des „Ensheimer Kreises". Der wurde 1970 von den Studenten, Professoren und Freunden gegründet, die damals die Wählerinitiative für den Landtagskandidaten Rohde gebildet hatten. Sie wollten ihrem Mentor auch nach der Wahl verbunden bleiben. Inzwischen waren oder sind sie selbst Hochschullehrer, führende Journalisten, Politiker, Unternehmensleiter. Jedes Jahr treffen sie sich zu einem Wochenseminar und zu einer vorweihnachtlichen Feier. Die Persönlichkeit Hubert Rohdes hat alle über nunmehr 40 Jahre zusammengehalten.

 

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Fotos: Rita Dadder