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Friedrich W. Kantzenbach

Erfundenes Glück

Der Autor beschäftigt sich auf lyrischem Weg mit den essentiellen Dingen des Lebens. Er reflektiert seine reichen literarischen Begegnungen und verarbeitet Reiseerlebnisse und persönliche Bekanntschaften mit Menschen, die ihn beeindruckten. Zunehmend durchdringen die Themen Krankheit, Tod und Vergänglichkeit seine Texte.

 

Wir nannten ihn Schickmüller

Wir nannten ihn Schickmüller

Hugo Bock

Schulszenen aus der Zeit des 1. Weltkriegs (1914 - 1918)*

Ich besuchte damals die Dellengartenschule in Saarbrücken. Unser Klassenlehrer war ein gewisser Karl Müller, genannt "Schickmüller", wegen des Kautabakpriems - französisch "chique" -, den er ständig im Munde wälzte: Er war ein martialisch dreinblickender, stets aufrecht gehender Mann von soldatischem Äußeren und Getue.

Bei seinem Eintritt in die Klasse mußten sich alle erheben und ihm, darauf legte er Wert, den Morgengruß "Gott strafe England!" entgegendonnern. Er erwiderte dann den Gruß und rief mit Kommandostimme: "Setzen!", dann sogleich wieder "Aufstehen! wir beten!" Breitbeinig vor der Klasse aufgebaut, den Blick zum Himmel gewandt, fing er dann an. Etwa so: "Himmlischer Vater! Wieder hast du uns einen Tag, äh, eine Nacht geschenkt. Dafür danken wir dir. Auch dafür, daß es an allen Kriegsschauplätzen vorwärts geht. Unsere heldenhaften Soldaten, unsere deutschen Väter und Brüder haben dem Franzosen wieder eine ganze Reihe von Niederlagen aufgebrummt. Auch die Engländer - ihnen galt sein besonderer Haß -, die sich nicht gescheut haben, als Germanen ihre deutschen Blutsbrüder anzugreifen, gemeinsam mit dem Erbfeind, dem Franzosen, auch diese verräterischen Engländer werden ihrer gerechten Strafe nicht entgehen. Wir werden sie aufs Haupt schlagen, daß sie es nie wieder wagen, gegen uns, gegen unseren gütigen Kaiser Wilhelm ins Feld zu ziehen. Auch die Russen im Osten unseres teuren Vaterlandes haben ihren Herrn und Meister gefunden, und zwar in Gestalt unseres geliebten Generalfeldmarschalls von Hindenburg, der ihnen bei Tannenberg eine ungeheure Schlappe beigebracht hat, von der sie sich nie wieder erholen werden. Tausende von Kriegsgefangenen haben wir gemacht, unzählige Kanonen und sonstiges Kriegsgerät erbeutet. Unsere siegreichen Truppen verfolgen die Russkis auf ihrem Weg nach Osten. Beten wir gemeinsam, daß unser Herrgott weiter gnädig sei, daß wir den Sieg erringen gegen eine Welt von Feinden, die unser geliebtes Vaterland erobern und zerstören wollen. Himmlischer Vater! Noch ist der Krieg nicht gewonnen. Gib uns den Willen und die Kraft, unsere Feinde zu zerschmettern! Wir geben nicht auf, bevor nicht der letzte Franzose, Engländer und Russe die weiße Fahne gezeigt haben und nie wieder ihr freches Haupt gegen Deutschland zu erheben wagen!"

Zum Abschluß seines patriotischen Gebets stellte sich der Schickmüller wieder in Pose, warf einem ungeliebten Schüler namens Stadier einen strafenden Blick zu, um dann die Augen zur Decke zu heben und die letzte Breitseite, abzufeuern: "Himmlischer Vater! Hilf uns, den endgültigen Sieg über unsere Feinde zu erringen, zerschmettere sie an allen Fronten! Viel Feind, viel Ehr! Wir geloben Dir, heiliger Gott, alles zu tun, um mit vereinter Kraft all unsere Feinde zu vernichten. Das geloben wir auch Dir, unserem Kaiser Wilhelm, den unser Herrgott beschützen möge! Amen!" Danach ein militärisches "Setzen!" Alles ließ sich mit promptem Gehorsam nieder. Nun wieder ein Kommandoruf: "Stadler!" Der Schüler Stadler, Kleinster in der Klasse, erhob sich mit unschuldiger Miene. "Was hast du während unseres Gebets zu grinsen gehabt?" Stadier: "Nichts, Herr Lehrer!" "Das nennst du nichts? Ich habe dich genau gesehen! Raustreten! Ich zeige dir, wie es einem geht, der unser Gebet verhöhnt. Bücken!" Stadier bückte sich; er kannte die Prozedur schon allzugut. Der Pädagoge hatte mittlerweile seinen Rohrstock gezückt, den er stets griffbereit hatte, war zur Fensterseite getreten, um Anlauf zu nehmen, und ließ mit teuflisch zufriedenem Grinsen den Stock auf Stadiers Hinterteil sausen: "So! Das war ein Torpedo!" Er hob den Stock ein zweites Mal, ließ sich Stadier wieder bücken und versetzte ihm einen zweiten Hieb. "Noch ein Torpedo!" lachte er laut, "dir wird das Grinsen beim Gebet vergehen! Setzen!"

Stadler, der es gewohnt war, die Prügel für alle anderen einzustecken, verzog keine Miene und begab sich wortlos auf seinen Platz. Was der Schickmüller nicht wissen konnte: Stadler, gefaßt auf derlei Behandlungen, hatte seinen Hosenboden mit einer Schreibkladde gepolstert, was der Grund für den Gleichmut war, mit dem er die Schläge hinnahm.

* Entnommen dem Buch: Hugo Bock, Das Leipziger Operettentheater, Eine Wanderbühne im Dreiländereck 1914 - 1928, Rita Dadder Verlag, Saarbrücken, 1989