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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Kriegsende

Kriegsende-Erlebnisse in Weiskirchen*

Der Keller ist klein, etwa 12 Quadratmeter. Und kalt und feucht. Und dunkel - auch am Tag. Die beiden Kellerfenster sind außen mit Holzscheiten abgedeckt, als Splitterschutz. Aufrecht stehen ist nicht möglich. Vom Boden bis zur Decke sind es gerade mal eineinhalb Meter. An den Wänden sind die Schlafstellen: ein paar Bretter und Decken und für jeden ein Kissen. In der Mitte eine große Kiste: der Tisch. Die „Wertsachen" stecken in Taschen neben den Lagern. Wohn-, Ess- und Schlafraum für sieben Personen.

Das nervige Bellen der Abschüsse und der kurz darauf folgende Explosionsknall sind neue Varianten der „Kriegsakustik". Es könnten Panzer sein. Oder Pack. Das Rattern der Maschinengewehre ist bekannt. Die schnelle Schussfolge der deutschen MG 42, das etwas langsamere Tackern der amerikanischen MGs und die kurzen Garben der Schnellfeuergewehre sind leicht zu unterscheiden. Die Schießerei dauert, mit kurzen Unterbrechungen, bis in den frühen Morgen. Dann wird es etwas ruhiger.

Irgendwann war ich wohl doch eingeschlafen. Aus der Küche über mir sind Geräusche zu hören. Ein Wasserkessel pfeift. Die Frauen sind mutig. Sie kochen Kaffee und machen Brote. Gefrühstückt wird im Keller, bei Kerzenlicht. Schritte über uns im Flur. Amis? Nein, es ist der harte Tritt von Knobelbechern. Wir rufen nach oben. Sie kommen in den Keller. Zwei SS-Männer mit Rot-Kreuz- Binden am Arm, Sanitäter. „Wir richten einen Verbandplatz ein! Dazu müssen wir das große Zimmer ausräumen!" Keine Bitte, kein Befehl, eine Feststellung.

Gegen Mittag werden die ersten Verwundeten gebracht. Einer wird gestützt, zwei liegen auf Tragbahren. Am späten Nachmittag ist das Zimmer voll. Ein weiteres Zimmer wird ausgeräumt. Zwei Sanitäter und ein Militärarzt tun, was möglich ist - ohne Pausen. Wimmern und Stöhnen in beiden Räumen. Es wird wenig gesprochen.

Stimmen an der Haustür. Vier SS-Männer und ein Unterscharführer stehen im Flur. Der Arzt gibt knappe sachliche Anweisungen. Die vier Soldaten ziehen Rot-Kreuz-Westen über. Je zwei nehmen eine Bahre auf und gehen durch die „Burg" über die Wiesen in Richtung Konfeld. Der Gefechtslärm draußen ist wieder stärker geworden. Die „Sanis" nehmen eine Tasse Kaffee dankbar an. Der Arzt erzählt in seiner sachlichen Art von dem tragischen Zusammenstoß beim Friedhof und wie es dazu kam. Ein paar der Verwundeten ergänzen seine Schilderungen. Sie sind schlecht zu verstehen, Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. Sie gehören zu einer SS-Division mit überwiegend rumänischen Freiwilligen.

Die Nacht ist fast ruhig. Keine Bomben, keine Artilleriegeschosse, lediglich ein paar Panzergranaten und einige MG- Salven. Aber stetes Kommen und Gehen über uns.

Durch die Scheiben der Hintertür fällt Licht. Der Himmel ist rot. Häuser brennen. Wo und wie viele ist nicht zu sehen. Es wird langsam hell.

Panzer, MGs und Geschütze feuern fast ohne Unterbrechung. Jetzt ganz in der Nähe. Im Verbandzimmer liegen noch drei Verwundete. Alle anderen seien in der Nacht abtransportiert worden, sagt ein Sanitäter. Die Frauen machen wieder Kaffee und Brote. Gegen Mittag sind einige Offiziere in der Küche. Auf dem Tisch sind Karten ausgebreitet - Lagebesprechung. Das Ergebnis können wir nicht erfahren.

Die „Burg" ist das höchste Gebäude in der Straße. Von dort, aus einem Dachfenster, könnte man sicher einen Teil des Dorfes überschauen. Die Neugier besiegt die Angst. Eine breite Treppe führt durch das im ländlichen Barockstil gehaltene Treppenhaus in die zweite Etage. Über eine schmale Stiege erreicht man den Speicher. Die Fenster der kleinen Gauben sind leicht zu öffnen. Über den Häusern liegt ein Gemisch aus Rauch und Staub. 

Der Kirchturm ist zerschossen, das Dach zum Teil eingestürzt. Einige Häuser brennen, eines davon im Hohlweg. Viele Dächer sind ganz oder teilweise abgedeckt. Panzer oder Soldaten sind nicht zu sehen.

Im Verbandzimmer ist nur noch ein Sanitäter. Der andere und auch der Militärarzt sind weg. Zwei leichter Verwundete sitzen auf dem Boden. Eine Nachbarsfrau ist im Keller. Meine Schilderung beunruhigt sie. „Das Haus im Hohlweg, wo ist das genau?" „Genau kann ich das nicht sagen, aber ziemlich weit oben." „Oh Gott, das Haus meiner Schwester!" „Das weiß ich nicht, dort stehen noch mehr Häuser." „Das Haus meiner Schwester" schreit sie und läuft hinaus.

Keine halbe Stunde später: hysterisches Geschrei vor dem Haus. „Hilfe! Hilfe!" Ist bis in den Keller zu hören. Das andere geht unter im Knallen der Panzergranaten. Es ist die Nachbarin. „Sie haben den Matz geschossen!" Sie ist jetzt im Keller. „Sie haben den Matz geschossen und du bist schuld!" Sie zeigt auf mich. Die Frauen versuchen, sie zu beruhigen. Dann erzählt sie, sie hatte ihrem Mann gesagt, dass das Haus ihrer Schwester brennen würde. Er müsse hin und beim Löschen helfen. Und er ging. Hinter seinem Haus raus, am Mühlendeich vorbei. Kurz vor dem Kirchenweg trifft ihn die erste Kugel. Ein Streifschuss am Unterkiefer. Er fällt, steht aber gleich wieder auf und geht weiter. Dann trifft ihn die zweite Kugel - in den Bauch. Er fällt und bleibt liegen. Seine Schreie sind durch das Rattern der MGs bis hinters Haus zu hören. Man muss ihn holen. Ich zittere vor Angst. - Und du bist schuld - und du bist schuld - dröhnt es in meinem Kopf. Ich lege mich auf den Bauch und robbe im Schutz des Mühlendeichs Richtung Kirchenweg. „Robben" kann ich. Wir haben das oft genug geübt. Beim Jungvolk und bei der HJ. „Vormilitärische Ausbildung" nannte man das. Ich kann jetzt mit der Hand seinen Fuß greifen. Matz ist schwer. Stück für Stück ziehe ich ihn rückwärts über den Boden. Es geht langsam, aber es geht. Hinter dem Mühlendeich warten, auf dem Boden kauernd, zwei Frauen. Sie schleifen ihn bis zum Haus und tragen ihn dann hinein.

In unserem Keller, auf meinem Lager, kauere ich mich zusammen. Mir ist schlecht.

Gegen Abend schießen die Panzer nicht mehr so oft. Gewehr- und Maschinengewehrfeuer sind unvermindert heftig, in nächster Nähe. Häuserkämpfe in Kirchenweg, Hohlweg und Lehmkaul.

Irgendwann wird es ruhiger. Die Nerven sind am zerreißen. Noch vor Morgengrauen ziehen die Verwundeten und der Sanitäter ab. Es ist immer noch ruhig draußen. Ein vorsichtiger Blick aus der Hintertür: Vom Dach des Nachbarhauses züngeln Flammen. Nach ein paar Minuten brennt das Haus unseres Nachbarn Fett Hans lichterloh. Zu helfen ist da nicht. Noch immer ist kein Schuss gefallen. Es wird langsam hell.

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Aus:
"Von Angst und Krieg - von Frieden und Not. Erlebtes aus den 40er Jahren".
Herausgeber: Verein für Heimatgeschichte und Denkmalpflege Weiskirchen e.V., 2006,
Texte und Zeichnungen von Franz Bierbrauer.

Vorschaubild: Zeichnung des zerstörten Kirchturms von Weiskirchen